Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

Die Klaſſe IIb wurde in 2 Abteilungen zerlegt, welche im Leſen, Schreiben, Singen, Vortrag und der bibliſchen Geſchichte vereinigt wurden. Die Geſamtſchülerinnenzahl der Klaſſe betrug 114.:

Ähnlich ſcheinen die übrigen Schulklaſſen überfüllt geweſen zu ſein, es trat immer mehr das Bedürfnis hervor, ein großes gemeinſames Schulhaus zu beſchaffen und die einzelnen Schulklaſſen in einen großen Schulorganismus zu verſchmelzen. Dieſe Reorganiſation im Innern und die Verlegung der 5 überfüllten Einzelſchulen in das Haus Ecke der Eliſabethen- und Grafenſtraße(Teil der früheren Artilleriekaſerne) brachte das Jahr 1861. Doch zuvor noch einige Bemerkungen über das Leben in der Schule vor 1861.

Eine frühere Schülerin berichtet uns hierüber folgendes:

In den fünfziger Jahren war die höhere Mädchenſchule ſo eingerichtet, daß die verſchiedenen Klaſſen, von uns Schülerinnen Schulen genannt, nicht nur in verſchiedenen Häuſern untergebracht waren, ſondern auch unter einander nicht den Zuſammenhang hatten, den heute eine unter einem Leiter ſtehende Schule hat. Ein Lehrer erteilte in ſeiner Abteilung allen wiſſenſchaftlichen Unterricht, die Fachlehrer waren in mehreren beſchäftigt. Die Klaſſen waren ziemlich ſtark, doch mochte wohl damals die Zahl 60 ſelten überſchritten worden ſein. Die Elementarſtufe umfaßte 2, die Mittel⸗ ſtufe 4, die Oberſtufe 2 Schuljahre, doch wurden auch reife Schülerinnen nach dreijährigem, ja einzelne nach zweijährigem Beſuch der Mittelſtufe verſetzt, wogegen auch manche bis zum 14. Jahr nur einen Jahrgang der Oberſtufe durchlaufen hatten oder dieſelbe überhaupt nicht erreichten. Konfirmation und Verlaſſen der Schule fielen ſtets zuſammen. Die Mittelſtufe beſtand aus 2 Parallelſchulen(die Herren Freiprediger Göhrs und Dingeldey), von denen jede 4 Abteilungen, Ordnungen genannt, hatte, die in den meiſten Fächern, beſonders Religion, Geſchichte, Geographie, Naturkunde, gemeinſam unterrichtet wurden. Ein Aufrücken von einer Ordnung in die andere konnte auch im Lauf des Jahres ſtattfinden, falls die Schülerin reif genug war, um ein Durchlaufen der ganzen Stufe in 3 Jahren zu rechtfertigen. Auch die Oberſtufe hatte 2 Parallelklaſſen, von denen die eine(Herr Freiprediger Müller) im Kyritzſchen Hauſe, die andere(Herr Frei⸗ prediger Ritſert, ſpäter die Herren Wagner und Göhrs) im Mayſchen Schulhauſe untergebracht waren. Jedes Jahr fanden zu Pfingſten die Verſetzungen ſtatt. In den Wochen vorher waren in allen Schulen von der Behörde angeordnete Viſitationen oder auch öffentliche Prüfungen, bei denen die Hefte(auch Zeichenhefte) und Handarbeiten auflagen und von den Lehrern oder auch von den Mitgliedern der Schulbehörde in allen Unterrichtsfächern geprüft wurde. Auch wurden Gedichte und Chorgeſänge vorgetragen. Zuletzt wurden Prämien ausgeteilt, manchmal bis zu 12 in einer Klaſſe. Sie beſtanden auf der Unterſtufe in kleinen Kartonnagegegenſtänden, auf der Mittel- und Oberſtufe in Büchern. Am Tage vor der Verſetzung ſchmückten die Schülerinnen der 1. Ordnung(denn die wußten, daß ſie verſetzt wurden) das Schul zimmer, und die Zurückbleibenden verſahen ſich mit kleinen Sträußen, die ſie den Scheidenden, die ihnen beſonders nahe ſtanden, mit Thränen überreichten. Gemeinſame Geſänge, Anſprache einer der aufrückenden Schülerinnen an Lehrer und ſeitherige Mitſchülerinnen(in gebundener oder ungebundener Rede), Abſchiedsworte des Lehrers verherrlichten die Feier. Bald nachdem die Verſetzten entlaſſen waren, erſchienen die von der unteren Klaſſe Aufrückenden, wurden aufgenommen und mit dem Notwendigſten bekannt gemacht. Dann wurde die ganze Schar für die Pfingſtferien entlaſſen. Gewöhn⸗ lich wurde dann noch am Nachmittag ein gemeinſamer Spaziergang gemacht. Außer dieſem fand im Lauf des Jahres einer, höchſtens zwei Spaziergänge und nur an einem ſchulfreien Nachmittage ſtatt. Die Geburts⸗ und Namenstage des Großherzogs und der Großherzogin waren ſchulfrei, eine Schulfeier wurde nicht abgehalten, und zu anderen patriotiſchen Feſten war damals keine Veranlaſſung. Doch hielt die Stadt Darmſtadt im Jahr 1856 ein Schul⸗ und Kinderfeſt auf dem Exerzierplatz ab, woran alle Knaben⸗ und Mädchenſchulen teilnahmen, und wobei gar mancherlei Spiele vorgenommen wurden, für die Knaben Kletterſtangen ꝛc. aufgerichtet waren, und wobei der bekannte Jugend⸗ nnd Turnfreund, Kupfer⸗ drucker Felſing, für die Kinder der Volksſchulen, damals Freiſchulen genannt, aus einer altgermaniſchen Wurfmaſchine kleine runde Semmeln unter die Kinder ſchoß. Auch hatte er an jede Schule einige kleine Kupferſtiche geſchenkt, die den Schülern zu teil werden ſollten, die am beſten turnten. Eine andere außerordentliche Begebenheit in unſerem Schul⸗ leben war es auch, als die Schweſter des Großherzogs Ludwig III., die Kaiſerin Maria Feodorowna von Rußland, im Jahre 1855 oder 56 zum erſtenmal als Kaiſerin in die alte Heimat kam, und alle Schulen, die Mädchen mit Blumen, die Knaben mit Fähnchen, in der Rheinſtraße Spalier ſtehen durften.

Als ich Pfingſten 1851 in die Schule kam, wurde ich bei Herrn Oberkonſiſtorialrat Ludwig, der ſeine Amts⸗ wohnung in dem ſüdlichen Teil des Kyritzſchen Hauſes hatte, angemeldet. Der gütige alte Herr pflegte dabei den Kleinen Mut zu machen, gute Lehren zu geben und ſie mit einigen Bonbons zu entlaſſen. Auch in der Schule wurden wir Neueingetretenen von dem Lehrer der Elementarklaſſe mit kleinen Bildern beſchenkt. Wir waren im Kyritzſchen

6