Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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38.

abgegrenzt, auf welchem acht Stangenpaare, zwei wagerechte Leitern und zwei Recke mit 3 Pfoſten aufgeſtellt waren. Ein Rundlauf, zwei Barren, zwei Böcke, Springpfeiler, Schwingſeile, Springſtäbe und Stelzen vervollſtändigten die beſcheidene Einrichtung. Einige dieſer Geräte ſind heute noch im Gebrauch.

Man kann ſich denken, daß die Kunde von einem ganz neuen Turnbetriebe großes Aufſehen unter den Turn⸗ freunden Darmſtadts erregte, namentlich aber unter den Damen, da die beiden Oberklaſſen der höheren Mädchenſchule auch zum Turnen zugezogen waren. Dieſe Mädchen ſchafften ſich einen Turnanzug an, welcher aus einer bis an die Knöchel reichenden Bluſe beſtand, die durch einen Gürtel gehalten ward und den Armen vollſtändig freie Bewegung geſtattete. Eine größere Gleichförmigkeit wurde noch dadurch erzielt, daß die Mädchen nahezu übereinſtimmend die gleichen und gleichfarbigen Stoffe zu ihren Turnkleidern wählten: im Sommer von geſtreiftem Leinenzeuge, im Winter von Flanell. Ich habe nie gehört, daß Spieß bei dem Mädchenturnen eine beſondere Tracht gefordert und feſtgeſtellt habe, ſondern glaube, daß die Einführung derſelben auf die Eltern zurückzuführen iſt. Die damalige eng anliegende Kleidung der Mädchen erlaubte nur ſchwer ein Heben der Arme, und die Kleider platzten bei den Hangelübungen aus allen Fugen. Da mögen denn wohl Sparſankeitsrückſichten den Gedanken an eine beſondere Turnkleidung eingegeben haben, die ſich übrigens auch nicht lange hielt. Da das kurze Schwingſeil ſo wenig in der Stunde fehlen durfte wie das Buch in der Schule, ſo wurde es um den Leib geſchlungen und die Holzgriffe ſo gehängt, daß ſie bei den Übungen durch Klappern den Unterricht nicht ſtörten.

Und ſo ſahen wir denn bald an den beiden ſchulfreien Nachmittagen die Mädchen in ihrer kleidſamen Tracht in die Turnhalle eilen, Eltern und ältere Geſchwiſter als Zuſchauer nach, ſoweit der beſchränkte Raum ſolche aufnehmen konnte. Über dem Turnſaale befand ſich nämlich ein drei oder vier Stufen höher gelegenes Zimmer, welches den Gäſten früher als Garderobe gedient hatte. Eine Doppelthüre und zwei große Fenſter geſtatteten einen ungehinderten Einblick in den Saal, und dieſer Raum war gewöhnlich, und namentlich bei den Mädchenturnſtunden, mit Zuſchauern Kopf an Kopf gedrängt angefüllt.

In dem Publikum machten ſich ſofort die mannigfaltigſten und widerſprechendſten Anſichten geltend, namentlich in Betreff des Mädchenturnens. Ein Herr A. z. B. behauptet, das ſei keine Turnſtunde, ſondern eine Tanzſtunde, während Herr B. der Anſicht iſt, das Hangeln an den Leitern und an den Stangen ſei viel zu anſtrengend für die Mädchen. Frau X. fürchtet als unausbleibliche Folge des Turnens harte und breite Hände, Frau 3. ungebührlich verlängerte Arme. Das wird eben überall ſo geweſen ſein, wo das Turnen eingeführt wurde, und auch in Zukunft nicht anders werden. Gegen ſolche Vorurteile hilft nur die Zeit und unverdroſſene Arbeit. Das Beſte war, daß die turnenden Mädchen ſelbſt gegen ſolche Befürchtungen vollſtändig unempfänglich waren und ſich mit jugendlicher Freudigkeit und Bewegungsluſt an den Übungen beteiligten.*)

Am 8. März wurde Friedrich Ritſert zum Stadtpfarrer ernannt. An ſeine Stelle trat der ſeit dem 18. Oktober 1850 als Aſſiſtent an der Schule thätige Kandidat Fridolin Wagner, der mit halbjähriger Unterbrechung(Okt. 1863 April 1864 Lehrer an dem Gymnaſium) bis Dezember 1874 die erſte Klaſſe führte.

Herbſt 1851 trat Kandidat Dingeldey als Vikar für den ſchwer erkrankten Vikar Hechler(geſt. 14. März 1852) ein.

Wie in ſämmtlichen ſtädtiſchen Schulen ſo wurde auch in der erſten höheren Miud Henſihul⸗ eine Viſitation und zwar unter Mitwirkung des Realſchuldirectors Schaumann von Offenbach vorgenommen.(16. Febr. 1852.)

Am 17. März 1855 wurde Stadtpfarrer Ritſert die Inſpektion der ſtädtiſchen Schulen, die vorher von den 4 Stadtgeiſtlichen ausgeübt worden war, übertragen.

Intereſſant iſt ein Vermerk der Matrikel der Klaſſe I über die am 31ten März 1856 verteilten Prämien, verglichen mit denen des Jahres 1830. ſ. S. 27.

Bei der öffentlichen Schulprüfung am 31ten März 1856 erhielten folgende Schülerinnen wegen ihres Fleißes und guten Betragens eine Belohnung: Louiſe Schuchard erhielt Hermann und Dorothea von Göthe. Marie Niederhof erhielt ein Album. Emilie Soldan erhielt ein Album. Auguſte Hallwachs erhielt Hermann und Dorothea von Göthe. Lina Schenk erhielt Lampenwärter, Erzählung von Miß Cummins. Mathilde Dittmar erhielt ein Poeſiebuch. Auguſte Beck erhielt ein Geſangbuch.

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*) Jahrbücher der deutſchen Turnkunſt N. F. Bd. IV. S. 58. Marx. Aus meinen Erinnerungen an Adolf Spieß.