Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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Feierlichkeiten. Als beſonderer Zeuge der Grundſteinlegung erſchien hierbei die oberſte Schülerin der 1. höheren Mädchenſchule Louiſe Otto, die Tochter des verſtorbenen Hauptmanns Otto. In gleicher Weiſe wurde aus jeder anderen Lehranſtalt je ein Zeuge ernannt.

Da die Anzahl der Schülerinnen bedeutend gewachſen war, wurden am 13 ten Mai 1842 zwei Parallelklaſſen zur Klaſſe I und II errichtet, ſodaß wir von da ab 5 Klaſſen, nämlich Ia Ib, IIa. IIb, III zählen, von denen IIa in einem gemieteten, dem Tanzmeiſter Lepitre gehörigen, Lokal in der Waldſtraße, IIb in einem ebenfalls gemieteten, dem Gaſtwirt Frey gehörigen Hauſe(Südyeſtecke der Eliſabethen- und Wilhelminenſtraße) untergebracht waren, während Ia und III im Kyritzſchen Stift, Ib im Mayſchen Stift verblieben.

Am 10ten April 1843 ſtarb der wackere Lehrer Graf, deſſen Obhut die dritte höhere Mädchenſchule anvertraut war.

Am 9ten September 1843 ſtarb nach langwierigem Kränkeln der hochverdiente und unvergeßliche Schulinſpektor, Licentiat der Theologie und Freiprediger Ernſt Ludwig Ritſert, der ſeitherige Lehrer an der erſten höheren Mäd⸗ chenſchule 1te Abtheilung. Er wurde am 11ten September feierlich zur Erde beſtattet; ſeiner Leiche folgten: der Vater mit zwei Brüdern, ſämmtliche Schülerinnen unter ihnen viele ſchon Confirmirte geführt von mir*), dem ſeit herigen Aſſiſtenten, und der Lehrerin Frl. Hanneſſee; dann folgte Herr Prälat Köhler, Herr Oberconſiſtorialrath Ludwig, Herr Oberſchulrathsdirektor Knorr mit anderen Mitgliedern des Oberconſiſtoriums und Oberſchulraths, die ganze hieſige Geiſtlichkeit beider Confeſſionen, das ganze hieſige ſtädtiſche Lehrerperſonal unter dieſen viele Lehrer des Gymnaſiums, der Real⸗ und Gewerbeſchule und von Privatanſtalten, viele Mitglieder des Gemeinderaths, Väter und Mütter von Schülerinnen, zahlreiche Freunde aus der Nähe und Ferne, Verwandte, Verehrer und Mitbürger des Entſchlafenen. Unter langem Glockenklang ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Mit dem Choral:Mein ganzer Geiſt, Gott, wird entzückt empfingen die ſtädtiſchen Lehrer die Leiche am Grabe. Von den Angehörigen dazu aufgefordert, hielt ich dann eine Grabrede, und wenn ich da dem verklärten Geiſt unter anderem zurief:Du haſt Gutes gethan und biſt nicht müde geworden; du haſt gearbeitet, ſolange es Tag war, charakterfeſt, gewiſſenhaft und überzeugungstreu für Wahrheit und Tugend, für Wiſſenſchaft und Menſchenwohl, für das ewig Nützliche, das unvergänglich Schöne, für Dein Amt und für Deine Freunde und für die Deiner unmittelbarſten Pflege und Liebe und Leitung von Gott Dir anvertrauten Deinigen! ſo war dieß das einſtimmige Urtheil der ganzen Trauerverſammlung, der ganzen Stadt; und ſicherlich ſtimmten mir Alle bei, wenn ich behauptete,daß durch ſeinen Tod eine Lücke entſtanden, welche ſchwerlich ſo bald und ſo leicht wieder würde ausgefüllt werden können! Nach einem nochmaligen ergreifenden Geſange der Lehrer wurde das Grab zugedeckt, und unſere Schülerinnen beſchloſſen dann die Feierlichkeit mit der Arie:Auferſteh'n, ja auferſteh'n. Ruhe und Frieden und Ehre und Achtung ſeiner Aſche, und fröhliches Gedeihen und Segen des Himmels ſeiner reichlich und raſtlos ausgeſtreuten Saat.

Dieſen Worten des Pfarrvikars Ewald, der nun die Schulſtelle bis zum 22. Juli 1844 verſah, können wir voll und ganz zuſtimmen, denn E. L. Ritſert war es, dem die höhere Stadtmädchenſchule vom Jahre 18291843 ihre gedeihliche Entwickelung verdankt. Er war, wenn auch nicht dem Namen, ſo doch der That nach, der erſte Direktor unſerer Schule. Am 3ten Januar 1844 wurde das Andenken des Verſtorbenen verewigt durch Anbringung einer ſchwarzen Marmortafel in dem Schullokale der erſten höheren Mädchenſchule, die folgende Inſchrift trägt:

An dieſer Schule wirkte mit ſeltner Lehrertreue und ausgezeichnetem Segen, in den Jahren 1829 bis 1843 Ernſt Lndwig Ritſert,- Lic. th. Freiprediger und Schulinſpector, geboren am 26ten December 1800, geſtorben am 9ten September 1843.

Aus dem Überſchuß der von Freunden und Verehrern gezeichneten Beiträge wurde die Ritſertſtiftung gegründet, aus deren Zinſen noch heute Schülerinnen der erſten Klaſſe mit einem Prämium beſtimmungsgemäß beſchenkt werden.

*) Pfarrvikar Ewald.