I. 1783— 180.
Pon den heute in Deutſchland beſtehenden vollentwickelten 10⸗klaſſigen höheren Mädchenſchulen, mit welchen ein Lehrerinnen⸗Seminar verbunden iſt, dürfte die Viktoria⸗Schule zu Darmſtadt eine der älteſten ſein. Allerdings iſt dies Alter kein ſehr großes, wenn wir es mit dem bis in die Zeit der Reformation zurückgehenden Beſtehen vieler Gymnaſien vergleichen. Doch dürfen wir nicht vergeſſen, daß die öffentliche höhere Mädchenſchule, wie die Realſchule und das Realgymnaſium, ein Kind des 18ten und 19 ten Jahrhunderts iſt, und daß es überhaupt nicht viele ſtädtiſche höhere Mädchenſchulen in Deutſchland gibt, die auf ein 50-jähriges Beſtehen zurückblicken können.
Wenn wir hier verſuchen, einen kurzen Rückblick auf die Geſchichte der Entwickelung unſerer Schule vom Jahre 1783 zu werfen, ſo gibt die Eröffnung unſeres prächtigen Neubaus die nächſte Veranlaſſung hierzu; ein Vergleich der Verhältniſſe von früher und jetzt wird uns den gewaltigen Fortſchritt, den die höhere Mädchenſchule gemacht, deutlich vor Augen führen. Um uns aber nicht zu weit in die Ferne zu verlieren, beſchränken wir uns auf die Geſchichte der Entwickelung der Viktoria⸗Schule und ziehen nur, wo ſich intereſſante Seitenblicke eröffnen, am Schluß diejenige unſerer 4 Schweſteranſtalten im Großherzogtum Heſſen, der höheren Mädchenſchulen zu Gießen, Offenbach, Worms und Mainz zum Vergleich heran. Wir laſſen überall möglichſt die Quellen ſelbſt reden; da das überlieferte Material ein äußerſt lückenhaftes iſt, bitten wir um freundliche Nachſicht, wenn wir hie und da ſcheinbar Unneſentliches mit berichten laſſen; nur ſo wird es möglich ſein, ſpäter ein einigermaßen überſichtliches, klares Bild der Entwickelung des höheren Mädchen⸗ ſchulweſens zu gewinnen.
Wenn wir das Jahr 1783 als das Gründungsjahr der Viktoria⸗Schule anſetzen, müſſen wir bemerken, daß die in dieſem Jahre eingerichtete erſte öffentliche Stadtmädchenſchule zu Darmſtadt, aus deren Erweiterung ſich die höhere Mädchenſchule entwickelte, erſt im Jahre 1829 ausdrücklich„höhere Mädchenſchule“ genannt wurde und erſt von der Zeit an ausſchließlich für die Töchter des beſſeren Bürgerſtandes berechnet war.
Bis zum Jahre 1783 gab es zwar neben dem Fürſtlichen Pädagog“) öffentliche Stadtknabenſchulen, um den Unterricht der Mädchen jedoch kümmerte ſich weder Stadt noch Regierung.„Nachdem bisher(1783) die Mädchen an dem Unterrichte in den öffentlichen Stadtſchulen keinen Antheil genommen, ſondern in Privatſtunden von hieſigen Stadt⸗ praeceptoren ſind in den Religionskenntniſſen unterrichtet worden, ſo wurde für ſie im Anfange dieſes Jahres eine öffentliche Schule errichtet,“ lautet die trockene Bemerkung des erſten Lehrers dieſer erſten öffentlichen Stadtmädchen⸗ ſchule, des 1800 als Pfarrer zu Igſtädt verſtorbenen Joh. Chriſtian Kärcher.**)
Daß um dieſe Zeit ſchon höhere Privatmädchenſchulen vorhanden waren, iſt wohl anzunehmen; im Jahre 1829 wenigſtens gab es außer den 12„Strickſchulen, in welchen die Kinder zugleich Anfangsunterricht im Leſen, Schreiben und Rechnen erhalten“, nicht weniger als 6 Privatlehranſtalten für Mädchen, von denen 3 von Theologen, 3 von Damen geleitet, und in welchen 263 Mädchen unterrichtet wurden.***)
Wenn wir hören, daß ſehr bald in der neuerrichteten öffentlichen Schule„die Mädchen durchaus in 2 Ab⸗
*) Vergl. Uhrig, W., Geſchichte des Großherzoglichen Gymnaſiums zu Darmſtadt 1879.
*) In der verloren gegangenen Matrikel dieſer Schule. Vergl. Programm der höh. Mädchenſchule zu Darmſtadt, Oſtern 1868.
***) Die einzige Bemerkung über Mädchenunterricht in der heimiſchen Preſſe des Jahres 1783 iſt folgende Anzeige: Die von Frankfurt hierher geheurathete Jüdin Wolfin, in der Judenſchul wohnhaft, hat eine Nähſchul, ſowohl für Chriſten⸗ als Judenkinder, angefangen, wo die Jugend um ein Billiges das feine Nähen, Stopfen in alle Getüch, wollen, leinen, baumwollen oder ſeiden, und ſogar Spitzen ſtopfen lernen kann; im letzteren recommendirt ſich obgedachte bey allen hohen Herrſchaften, wo ſie mit beſter Zufriedenheit in den Blumen und Figuren einzuſtopfen verſpricht: hoffet alſo, ſowohl Schülerin als Arbeit zu bekommen. Darmſtadt den 24 ten Juli 1783. 11 4
Anno 1783. 28. Juli 1783. No. 30.— Darmſtädtiſches Frag⸗ und Anzeigungsblättgen.


