Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
Einzelbild herunterladen

46

öfter zur Anwendung kommen,*) wenn nicht die Unvollkommenheit aller menſch⸗ lichen Dinge eigenthümliche Beſorgniſſe da erregte, wo auf Jahre hinaus Alles an eine einzige Perſönlichkeit geknüpft werden ſoll, und wenn nicht die Möglichkeit der Durchführung eine entſprechende Umgeſtaltung der ganzen Anſtalt vorausſetzte. Auch der große Gewinn, daß die ſo ſchwierige und verdrießliche Vertheilung der Lectionen unter die Lehrer und die halbjährliche Ausarbeitung eines neuen Lectionen⸗ planes hier ſo gut wie ganz wegfällt, wird wiederum aufgewogen durch die Nach⸗ theile, welche von einer abſoluten Stabilität jener Vertheilung für alle nachfolgende Inhaber einer und derſelben Stelle und durch die nur mit beſondern Koſten durch halbe Anſtellungen ermöglichte Nachhülfe im Einzelnen herbeigeführt werden. Den⸗ noch darf man die Erwartung hegen, daß wenigſtens das Streben nach Annäherung an jenes Ziel mehr vorherrſchen werde, ſobald daſſelbe in ſeinem wahren Lichte und Werthe und mit Rückſicht auf die überall vorwaltenden localen Möglichkeiten ins Auge gefaſſt wird. Zugeben wird man freilich müſſen, daß Gottholds Idealgym⸗ naſium, in welchem immer ein einziger Lehrer ſeine Generation vom 7 bis 20ſten Lebensjahre, alſo durch 13 Jahre hindurch führt, unter allen Umſtänden ein uner⸗ reichbares Ideal bleiben werde, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß nach den oben empfohlenen Rückſichten auf Berufsbildung für die oberſten Claſſen von einem ſolchen Syſtem gar nicht die Rede ſein könne. Aber dies darf uns nicht hindern, den richtigen Grundgedanken in der Ermäßigung feſtzuhalten, in welcher er je nach den obwaltenden Verhältniſſen als ausführbar erſcheint. Wir werden damit uns dem annähern was Scheibert verlangt,daß die Schule mehr auf den ſittlichen Zuſtand einwirke, der ſich viel mehr nach dem Lebensalter und nach den Jugend⸗ erfahrungen, als nach dem Lernen und Wiſſen in Schulgegenſtänden richte, daß ein praktiſcher Sinn angebahnt werde, der mehr auf Erfahrung als Wiſſen, mehr auf

*) In der Berliner Gymn. Zeitſchrift 1849 S. 811 wird ein ungünſtiges Urtheil über dieſe Einrichtung aus Hannover berichtet. Dagegen wäre Manches einzuwenden. Nicht Arineiviene ſondern Thatſachen, und zwar nicht vereinzelt, ſondern unter mannichfaltigen

erhältniſſen und Einwirkungen geſammelt, müſſen darüber belehren, und an ſolchen ſcheint es in Hannover und in Norddeutſchland überhaupt zu fehlen, worin wohl der Grund liegen möchte, weshalb bei den neueſten Reformbeſtrebungen in Preußen, Hanno⸗ ver und Sachſen dieſer Gegenſtand keine Beachtung gefunden hat. So gern ſonſt Ref. in Sachen des Schulweſens nach dem Norden Deutſchlands hinblickt, dem er ſelbſt nach Geburt und Bildung angehört, ſo möchte doch in dieſem Punkte nur der Süden belehrende Erfahrungen darbieten. Dieſe ſprechen aber dafür, daß ſelbſt wo die akademiſche Lehrer⸗ bildung keinen weſentlichen Einfluß darauf äußerte, dennoch in den meiſten Fällen die Sache als anerkannt heilſam ſich erwies, ja unter ungünſtigen Verhältniſſen oder bei ſonſtigen Zerrüttungen für das Einzige erachtet wurde, was einer Anſtalt feſte Haltun geregelten Fortgang und würdige Leiſtung zu ſichern vermochte. Ich darf mich aus mei⸗ ner nächſten Umgebung auf das Gymnaſtum zu Mainz berufen, ſo wie auf den neueſten Entwurf der naſſauiſchen Schulordnung, der zufolge in den unteren und mittleren Claſſen der Ordinarius mit ſeinen Schülern in die zächf höhere Claſſe übergehen und jene in einem zweijährigen Curſus leiten ſoll.