Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
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wo die Anforderungen der Erziehung noch als überwiegend hervortreten, niemals eine völlig befriedigende organiſche Einheit ausmachen, niemals das individuelle Be⸗ dürfniß des Schülers genügend beachten können.*) Harmoniſche Einwirkung iſt nur da, wo Wiſſen und Können und deren Gegentheil in ihrem ſittlichen nach Kraft und Fleiß bemeſſenen Werthe gewogen werden, und in höherer Vollendung iſt dies nur da möglich, wo Lehrer und Schüler nicht immer bloß einzelne Seiten ihres Weſens einander zukehren, ſondern in wechſelſeitigem Verhältniß die ungetheilten Perſönlichkeiten auf einander einwirken laſſen, und wo demnach die Erziehung, wie in dem elterlichen Hauſe, vorzugsweiſe einen monarchiſchen Charakter trägt. Die Schulen haben dies auch wirklich jederzeit empfunden und die Zerſplitterung des Unterrichts für die Zwecke der Erziehung neben der Einſetzung von Claſſenordinarien durch Geſetze, Hausordnungen, Tagebücher, Controlen, Atteſtate, Tabellen, Cenſuren, Conferenzprotokolle u. ſ. w. möglichſt unſchädlich zu machen geſucht, aber was wol⸗

*) Seit Kurzem hat der Geſichtskreis des deutſchen Gymnaſialweſens durch Oeſterreich eine großartige Erweiterung erhalten. Der von dem dortigen Unterrichtsminiſterium ausge⸗ gangene Entwurf einer neuen Organiſation iſt, wie ſtark nuch die Kritik manche Einzeln⸗ heiten tadeln möge, doch eine von ſachkundiger Intelligenz durchdrungene Copie des Beſten, was Deutſchland in dieſem Fache bisher aufzuweiſen hatte, mit vorſichtiger Um⸗ ſchau nach den dortigen Verhältniſſen modificirt. Aus griechiſch⸗ lateiniſchen, hiſtoriſch⸗ geographiſchen, mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Beſtandtheilen iſt dort ein Gymnaſial⸗ unterricht conſtruirt worden, welcher eine Neugeſtaltung der geſammten höheren Bildung verheißt und die Ergebniſſe der eifrigſt empfohlenen Fofrfuehen von Niebuhr, Böckh, O. Müller, Ritter u. ſ. w. in ſich aufnehmend den belebenden Gewinn deutſcher Wiſſen⸗ ſchaft und Bildung auch durch böhmiſche, polnifche, rutheniſche, ſloweniſche, illyriſche, kroatiſche, ſerbiſche, ſlavakiſche und walachiſche Gymnaſiallehrer der Zukunft unter den Völkern der Monarchie verbreiten wird. Magyaren und Italiener werden dabei nicht erwähnt; ſollen die letzteren das Recht behalten, das deutſche Element in dem deutſchen Tyrol in immer engere Gränzen einzuſchließen und für ihren gegen die Tedeschi ge⸗ richteten Wahlſpruch mit dem alljährlich vergrößerten italieniſchen Sprachgebiete ein neues Terrain zu gewinnen? Doch die Beſtimmung dieſer Schrift geſtattet nicht, von dem zu reden, was eine neu beginnende Culturepoche von Oeſterreich, zuſammentreffend mit den Anbahnungen zu einem mit Deutſchland gemeinſamen Zollverein, zu einer nach Ungarn und Siebenbürgen zu leitenden deutſchen Auswanderung und zur Benutzung der großen Waſſerſtraße nach dem Orient für eine neue Weltgeſtaltüng hoffen läſſt. Wir wollten hier nur anführen, was der Graf von Thun in ſeinem Berichte zu dem provi⸗ ſoriſchen Geſetze über die Prüfung der Gymnaſialcandidaten ſagt(Berl. Gymn. Zeitſchr. Januar 1850 S. 74):Das Gymnaſium kann nicht gleich der Univerſität geſonderte Wiſſenſchaften lehren und die Verbindnng derſelben zu einem harmoniſchen Ganzen der Selbſtthätigkeit der Schüler überlaſſen; tiefer geſtellt, als die Univerſität im Verhältniß zum Zwecke der Gelehrſamkeit, höher aber in ſeinem Verhältniß zum Zwecke der Erzie⸗ hung, hat es die innere Verbindung des mannichfachen Stoffes zur allgemeinen in ſich zuſammenſtimmenden Bildung ſelbſt zu beſorgen, und dazu bedarf es der Einheit im gan⸗ zen Gange und Plane des Unterrichts. Die Annahme eines ſtrengen Fachlehrſyſtems macht an einem Gymnaſium, welches aus einer größeren Anzahl von Claſſen beſteht und alle durch ſeine Aufgabe gebotenen Lehrgegenſtände aufnimmt, die Ausführung zu einer Unmöglichkeit u. ſ. w.