Naturwiſſenſchaft endlich wird es zur Unmöglichkeit, über das A b e der Ueberſichten, Nomenclaturen und Notizen hinaus, die höchſtens dazu gut ſind, im Examen abge⸗ fragt zu werden, zu einem ſelbſtſtändigen Leſen und Schreiben im Buche der Natur zu gelangen. Dies kann man bedauerlich ſinden, ohne jenem Naturalismus zu huldigen, welcher die 6000 Jahre, die das Menſchengeſchlecht durchlebt hat, mit ihren Errungenſchaften an Glauben und Lehre abwerfen möchte, weil ſie die Wir⸗ kungsurſachen der Materie noch nicht erkannt hatten, ohne mit Reichenbach zu be⸗ haupten, daß die ganze egoiſtiſche Zerriſſenheit in den particulariſtiſchen der Natur⸗ harmonie feindlichen Wirren der Gegenwart die reife Frucht jener Verſäumniß ſei, welche es unterlaſſen habe, den Unterricht aus ſeinen veralteten Formen durch alle Schichten des Volkes hindurch zu emancipiren, ohne endlich ein neues système de la nature auf breiteſter Grundlage zu verlangen und mit Roßmäßler den Natur⸗ kundigen an die Stelle des Staats⸗ und Kirchenunterthanen zu ſetzen. Nimmt man ſchließlich zuſammen, was unter Einwirkung der hier geſchilderten Conjuncturen in Alterthum, Kunſt und Natur für die Bildung, namentlich auch für Stylbildung verloren geht, ſo müſſen wir befürchien, daß auch das reichſte Maß von deutſchen Lehrſtunden mit dem feinſten Schmelz belletriſtiſcher Phraſen dieſen Verſuſt ſo wenig zu erſetzen vermöge, wie eine verdoppelte oder verdreifachte Zahl der Religionslehr⸗ ſtunden geeignet ſein würde, Gottesfurcht, Glauben und kirchlichen Sinn um ſo feſter zu begründen.
Hoffentlich wird Niemand einen inneren Widerſpruch darin ſinden, daß hier ein hoher Werth auf Griechiſch und Latein, namentlich auch auf Lateinſchreiben gelegt, und doch hernach wieder davon dispenſirt wird. Es würde ſolcher Einwand einen geringen Grad von dialektiſchem Scharfſinn verrathen. Die Hauptſache iſt, daß Jeder Etwas finde, worin er geiſtig leben und weben und durch bewuſſte Selbſtthätigkeit ſich emporſchwingen könne. Daß dem gereiften Verſtand und Lebens⸗ plane dabei in gewiſſen Schranken eine Auswahl geſtattet werde, dies iſt eine nothwendige Folge von der durch Staats⸗ und Reichsgeſetz garantirten freien Wahl des Berufes. Gerade jene Freiheit der Auswahl wird in beſſeren Naturen einen neuen Wetteifer entflammen. Daß ſie nicht zur Trägheit und Zeitverſplitterung miſſbraucht werde, wie bisher bei Entbindung von einzelnen Lectionen üblich war, und daß ſie nicht bas Maß des als zweckmäßig Anerkannten überſchreite, dafür hat die Einrichtung des Ganzen und die Anlage des Lectionenplanes Sorge zu tragen.*) Daß aber dieſer für alle Gymnaſien eines Landes völlig gleichmäßig ausfalle, muß
*) Um Miſſverſtändniß zu verhüten, wird noch beſonders bemerkt, daß hier überall nicht vom Freigeben einzelner Lehrgegenſtände und von Dispenſation ohne Erſatz die Rede iſt, einem Unfug, der für Ordnung, Conſequenz und Fortſchritt ſich immer als höchſt nach⸗ theilig erwieſen hat, ſondern von einer Auswahl zwiſchen den Lehrobjecten, welche auf den gezogenen Kreis beſchränkt bletbt und auch innerhalb deſſelben keineswegs dem freien Belieben des Schülers anheimfallen, ſondern methodiſch geregelt, ja ſelbſt für jeden ein⸗ zelnen Fall von den Lehrern genehmigt, oder entſcheidend feſtgeſtellt werden ſoll.


