Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
Einzelbild herunterladen

36.

ihnen zum nothwendigen Bedürfniß und Erſatz gemacht hat, ſofern in ſprachlich⸗ literäriſch⸗geſchichtlicher Beziehung ohnehin ſchon vom Gymnaſium das Geeignete genügend geboten wird, nur in dem Gebiete der mathematiſchen und in noch höherem Grade der Naturwiſſenſchaften ſo wie in den an das Zeichnen ſich anknüpfenden Kunſtübungen und Belehrungen zu ſuchen iſt. Wenn ſie nur wahrhaft geiſtesſtark und tüchtig in dieſen werden, ſo wird der Verluſt, den ſie am Lateiniſchen nnd Griechiſchen dadurch erleiden, ein Gewinn für ihre Bildung werden, denn nicht bloß beſſer als das Ganze iſt die Hälfte, wie das griechiſche Sprüchwort ſagt, ſondern auch beſſer, als gar nichts, und die Theorie wird ſich daran gewöhnen müſſen, über der Sphäre der Volksſchule hinaus den Begriff höherer Bildung mehr von der in irgend einem Fache durch Fortſchritt und Erfolg bewährten geiſtigen Kraft und Tüchtigkeit, als von einem beſtimmten und für Alle gleichen Complex von Notizen und Kenntniſſmaſſen abhängig zu machen und die Begriffe von allgemeiner und Berufsbildung nicht als ſcharfe Gegenſätze aufzufaſſen, ſondern als durch unzählige Mittelfarben und individuelle Modiſicationen nuancirte und allmählig und unver⸗ merkt in einander überfließende Beſtimmungen zu behandeln. Es verhält ſich mit der allgemeinen Bildung wie mit dem allgemeinen Religionsunterrichte, beide ſind bloße Abſtractionen, die erſt durch berufliche Tüchtigkeit und kirchlich confeſſionelle Beſonderheit concrete Form und Lebensfülle erhalten. Aber ſo wenig hierdurch ein polemiſcher Dogmatismus berechtigt werden ſoll, ſeine ſpecifiſchen Unterſcheidungen zum Prokruſtesbett für die höchſten Ideen und Gebote zu machen, eben ſo wenig dürfen wir jener Engherzigkeit nachgeben, welche für Alles, was Bildung heißt, nur das Berufsbedürfniß des künftigen Staats⸗ und Kirchendieners als rechtes Maß und entſcheidende Richtſchnur gelten läſſt. Geſtatten wir vielmehr auch für einen und denſelben Beruf in der Vorbereitung einen nach individueller Fähigkeit und Neigung bemeſſenen Spielraum der Auswahl, ſo weit er mit dem von uns feſt⸗ gehaltenen Begriffe allgemeiner Bildung beſtehen kann. Es hat niemals an ſolchen gefehlt, die aus den beſten Griechen und Lateinern die tüchtigſten Aerzte und Soldaten geworden ſind, aber es fehlt auch niemals an ſolchen, die nach Talent und Neigung für die höheren Sphären des griechiſchen und lateiniſchen Unterrichts nnempfänglich dadurch nichts an ihrem Werthe als künftige Pfarrer und Richter verlieren, ſelbſt wenn ſie ſpäter als ſolche lieber Seidenzucht und Induſtrieſchulen fördern, als Alterthümer aufſuchen, lieber den landwirthſchaftlichen und gewerblichen Strebungen, als dem gelehrten Betrieb ſich zuwenden ſollten. Wir ſind noch viel zu ſehr in den herkömmlichen Vorurtheilen nothwendiger Uniformirung befangen, als daß man hoffen könnte, ſolchen Ideen Geltung zu verſchaffen; aber darum wird die Zeit nicht ausbleiben, welche keine andere Wahl übrig läſſt, als entweder mit ihnen ſich zu befreunden, oder die ganze Summe zu verlieren, an der man einen kleinen Abzug ſich nicht wollte gefallen laſſen. Was zunächſt vorliegt, iſt, daß ein befrie⸗ digendes Verhältniß zwiſchen Eltern, Lehrern und Schülern in naher Verbindung ſteht mit der Anordnung dieſes Bedürfniſſes, das, wie alles Wiſſenſchaftliche, deſſen