Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
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gemacht hat. Seitdem nämlich die alte lateiniſche Vorbildung außerhalb des Gym⸗ naſiums und einiger es beachtenden Privatinſtitute völlig vernichtet worden iſt, geſchieht es nicht ſelten, daß nach ſechsjährigem ſelbſt rühmlichem Fortſchritt auf realiſtiſchem Wege der zu einem Facultätsſtudium beſtimmte junge Menſch bei ſeinem Uebertritt in das Gymnaſium zu ſeinem Schrecken vernimmt, daß er hier wieder von unten anfangen müſſe. Luſt und Eifer, Muth und Erfolg ſind dann für immer dahin; er würde ſelbſt auf dem früheren Wege fortwandelnd ſein der Prarxis zugewendetes Ziel beſſer erreicht haben. Die Anſicht, man müſſe ſowohl den Gym⸗ naſien als den Realſchulen ihre eigenthümliche Entwickelung ſichern, dann aber darauf bedacht ſein, den Uebergang von der einen zur andern Anſtalt möglichſt zu erleichtern, mag im Princip die richtige ſein, aber die Vertheidiger derſelben haben ſchwerlich Erfahrungen darüber gemacht, wie bei vollſtändiger Durchführung die Sache in der Wirklichkeit ſich zu geſtalten pflegt. Nicht nur zeigt ſich da die Un⸗ möglichkeit, zu jener Erleichterung Mittel und Wege ausfindig zu machen, ſondern es kommt auch noch der weitere Uebelſtand dazu, daß das Gymnaſium, welches nur in den ſeltenſten Fällen ſich ſelbſt ſeine Schüler ganz von unten herauf anziehen kann, mit ſeinen an die Aufzunehmenden gerichteten gelehrten Anforderungen, nachdem dieſelben in allen niederen Schulen landesüblich antiquitirt und über Bord geworfen ſind, in der leeren Luft ſchwebt, ohne irgendwo in der beſtehenden Wirk⸗ lichkeit Grund und Boden dafür zu ſinden.*) Daher die zahlreichen Beiſpiele un⸗ genügender Vorbereitung, die der ſprachlichen Grundlage entbehrend mit Verkümmerung durch alle Claſſen hindurch ſchleicht, oder mit Zurücklaſſen und Durchfallen unver⸗ dienter Weiſe und oft erſt am Schluſſe des Gymnaſialcurſes für das geſtraft wird, was an ihr in früher Jugend planmäßig verſäumt worden iſt, und zu deſſen Nach⸗ holung weder die höheren Claſſen Gelegenheit bieten, noch die ſpäteren weniger das Gedächtniß in Anſpruch nehmenden Jahre geeignet ſind. Der Kampf gegen dieſes Uebel iſt ein endloſer, weil es mit jedem Halbjahr vervielfältigt auftritt und nur in Ausnahmsfällen genügend geheilt wird, zumal wo der Unterricht einer frequenten Claſſe unter viele Lehrer vertheilt iſt, von denen keiner Zeit, Beruf, Gelegenheit und allſeitigen Einfluß genug hat, um die geſammte Kraft des Zöglings zunächſt auf methodiſche Ergänzung des ihm Fehlenden zu richten. Wo die Mehrzahl einer Claſſe aus ſolchen Nachzüglern beſteht, da wird ihr niſſenſchaftlicher Standpunkt zum Nachtheil Aller herabgedrückt, der Maßſtab für Prüfung und Urtheil geht verloren, und der unterhöhlte Grund droht Allem Einſturz, was darauf weiter gebaut werden ſoll. Es iſt alsdann nicht möglich, einen Zuſtand der Befriedigung zu ſchaf⸗ fen, man muß ſich begnügen, die Dinge auf einem leidlichen Fuße zu erhalten, zu⸗

*) In Hannover hat man ſich vor dieſem in Sachſen freilich noch ganz unbekannten Uebel⸗ ſtande nſei hoßen dadurch ſicher geſtellt, daß man die Verwandlung der früheren Progymnaſten in Realſchulen nur mit dem Vorbehalt annahm, daß durch die Organiſation derſelben auch den humaniſtiſchen Schülern bis zu dem Alter von wenigſtens 14 Jahren eine genügende Vorbereitung für das Gymnaſium geſichert werde.

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