Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
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verwerflich wären, ſondern weil ſie nach dem alten falſchen Grundſatz gemodelt wurden, daß ohne Ausnahme Alles von Allen geleiſtet werden müſſe, ſo daß ſie nur Ueberbürdung, Zerſtreuung und Erſchlaffung zu erzeugen vermochten. Auf der andern Seite iſt auch die realiſtiſche Einſeitigkeit anerkannt, die Mathematik als Centralpunkt ihrer Bildungsweiſe verworfen, und der geringe Fortſchritt und Bil⸗ dungsgewinn in dem Betrieb der neueren Fremdſprachen dem gänzlichen Mangel des Lateiniſchen zugeſchrieben worden, das merkwürdiger Weiſe gerade von dieſer Seite her ſeine fenrigſten Lobredner erhalten hat. Man verwahrt ſich mit allem Nachdruck dagegen, auf der einen Seite philologiſche Gelehrte, auf der andern fertige Hand⸗ werksmeiſter aus der Schule zu entlaſſen. Endlich iſt man auf beiden Seiten zu⸗ rückgeblieben dort hinter dem Gottholdiſchen Idealgymnaſium, welches Deutſchland zu einer neuen Magna Graecia umgeſtaltet, auf der andern Seite hinter der Scheibertſchen höheren Bürgerſchule, welche aus einer Menge von Leſe⸗, Kunſt⸗, Zeichnen⸗, Muſik⸗, Geſang⸗, Studien⸗Vereinen mit Statuten, Ausſchüſſen, Aemtern, Vorſtänden, Generalverſammlungen und Debatten aller Art unter dem Schutze ge⸗ meinſamer Kirche(Gottesdienſt und Abendmahl mit Seelſorge), Jurisdiction(ge⸗ richtliche Verhandlungen und Strafurtheile bei Diſciplinarfällen), Polizei und Kriegswehr(Turnwehr mit Einübung des Wacht⸗ und Patroulllendienſtes) beſteht. Die Polizeiſtube des Unterrichts, wo Jeder ein durch das Claſſenbuch protokollirtes Verhör zu beſtehen hat, verwandelt ſich da in eine Bürgerſtube, wo Jeder ſeine Erfahrungen, Gedanken und Ergebniſſe ſeiner Thätigkeit mittheilt. Das ſeufzende Sprechen der Verhör⸗, Repetir⸗ und Katechiſirmethode wird zum Ausſprechen deſſen, wofür ſich der Sprecher intereſſirt hat.

Die Nachtheile einer bis tief herab in die Bildungsjahre eingreifenden und auf allen Punkten bis zu äußerlicher Unvereinbarkeit durchgeſetzten Divergenz der humaniſtiſchen und realiſtiſcheu Bildungsweiſe ſind durch dieſe wechſelſeitige An⸗ näherungen bereits um Vieles vermindert worden. Sie find aber immer noch be⸗ deutend genug, um vielfältige Uebelſtände auf gymnaſialer Seite zu erzeugen. So lange es in der Natur der Dinge liegt, daß nicht mit dem Taufſchein ſchon der Lehrbrief ertheilt werden kann, wird auch das Schwanken hinſichtlich des künftigen Berufes fortdauern, welches ſelbſt die Verſtändigſten gutheißen, indem ſie vor Allem erſt auf eine tüchtige, für jede Wahl gerecht machende Grundlage dringen, nach welcher eine paſſende Berufswahl um ſo ſicherer getroffen werde. Indem aber jene und zwar nur nach dem materiellen Gehalt des Wiſſens in zwei Hälften ausein⸗ ander gelegt wird und hierdurch zwei verſchiedene Ausgangspunkte enthält, können auch ſpäter die divergenten Wege nicht mehr ohne große Verluſte an Lebenszeit und Lebenskraft mit einander vertauſcht werden. Alle Erfahrungen ſtimmen darin über⸗ ein, daß ein ſolcher Wechſel ſelten zum Gedeihen führt, daß Mancher, der ihn wagt, darüber geiſtig zu Grunde geht. Noch ſchärfer ausgeprägt tritt dieſes Uebel hervor, wo nicht Ueberlegung und freier Entſchluß, ſondern die zunächſt vorhandene Ge⸗ legenheit die Wahl der Schule geleitet, oder vielmehr jede Wahl derſelben unmöglich