As ich vor nunmehr 27 Jahren einem an mich gelangten Rufe nach Darmſtadt folgte, wurde mir als die zu Grunde liegende Abſicht der damaligen Staatsregierung bezeichnet, daß durch einen mit dem norddeutſchen Schulweſen ver⸗ trauten Gelehrten theils dem hieſigen Gymnaſium eine auf dem Grunde der alter⸗ thümlich claſſiſchen Studien geſteigerte wiſſenſchaftliche Richtung ertheilt, theils die hierdurch zu gewinnenden Ergebniſſe mit der allgemeinen Schulverfaſſung des Landes vermittelt werden ſollten. Ich darf es wohl ausſprechen, daß der erſte dieſer Zwecke damals vollſtändig erreicht worden iſt, da ich neben dem anerkannten Verdienſte verſtorbener und lebender Collegen nur eine perſönliche Mitwirkung mir zuſchreibe. Es war überhaupt nach den vollendeten Kriegsjahren eine für Darmſtadt glückliche Zeit. Unter dem mit Begeiſterung verehrten Großherzog Ludwig I. und unter der Aegide der glücklich abgeſchloſſenen Conſtitution und einer freiſinnigen Gemeindeord⸗ nung, der beſten, welche ſeit den Zeiten der römiſchen Municipien die hieſigen Rhein⸗ lande aufzuweiſen hatten, erhob ſich dieſe Stadt als eine neue großartige Schöpfung durch Theater, Muſeum und Bibliothek zum Mittelpunkt einer höheren Cultur und eines noch nicht durch Dampfſchiffe und Eiſenbahnen nach andern Zielen geleiteten Fremdenverkehrs. Das friſche Gefühl des neuen Glückes, durch ſteigenden Wohlſtand gehoben, hatte über alle ſociale Beziehungen den heiteren Aether einer zufriedenen, freundlichen und hoffnungsreichen Stimmung verbreitet. Pauperismus, Proletariat und Communismus waren unbekannte Dinge, ſelbſt von dem nun ſchon alt gewor⸗ denen jungen Deutſchland mit ſeinen Lebensfragen und ſeinem Weltſchmerz war noch keine Spur vorhanden, die Localpreſſe lebte noch in den Jahren anſpruchloſer Un⸗ ſchuld und Einfachheit, und die Kritik war noch nicht bis zu einem mit zähnefletſchen⸗ dem Ingrimm geführten Kriege Aller gegen Alle ausgebildet. Von demagogiſchen Umtrieben war zuweilen die Rede, aber nur wie von verſchollenen Dingen, die der ſcharfe Verſtand des Großherzogs und ſein treffendes Wort aus unſerm Bereiche entfernt hätte, und ſelbſt Weidig ſchien dieſe Anſicht zu theilen, als er einſt nach mündlichem Zwiegeſpräch mit dem Großherzog in freudig gehobener Stimmung den Unterzeichneten beſuchte.
Ich hatte das Glück, empfängliche Schüler zu ſinden, unter denen es vorherr⸗ ſchender Sinn und Geiſt war, die ihnen gebotene Wiſſenſchaft mit voller Seele zu ergreifen und dabei das Ohr an dem Rhythmus und Tonfall claſſiſcher Sprache
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