Aufsatz 
Gedächtnis und Verstand im Dienste der Schule. Ein Beitrag zur Reform des Unterrichtes
Entstehung
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Geſchöpfen wieder wachzurufen. Kein Umſtand hat indeſſen hierzu mehr beigetragen, als der, daß ſeine Werkzeuge und Inſtitutionen die Eigenſchaft beſaßen, das Individuum zu überdauern und ſo zum Gemeingut des Geſchlechts zu werden. Weſentlich dadurch iſt es ihm möglich ge worden, die Kräfte der todten Natur in ſeinen Dienſt zu bannen; die lebenden Organismen der⸗ art unter ſeine Herrſchaft zu beugen, daß ihr Daſein faſt allein von ſeinem Willen abhängig und nur für geleiſteten Frohndienſt geduldet erſcheint; die eigene Eriſtenz aber ſo zu befeſtigen und ſeine Verbreitung über die Erde ſo weit zu begünſtigen, daß nunmehr ſeine Waffen, die ſich der Natur gegenüber als unwiderſtehlich gezeigt hatten, auf einen ernſteren Feind treffen. Dieſer neue ebenbürtige Gegner iſt aber kein anderer, als der Menſch ſelbſt. Die verſchiedenen Glieder deſſelben Geſchlechts ſtehen ſich jetzt als Concurrenten um den Beſitz des gemeinſamen Bodens gegenüber. War bis dahin in jedem Streite die Ausſicht des Sieges eine ſichere geweſen, ſo wird jetzt bei ausbrechendem Kampfe die Lage kritiſcher. Niederlage wird da gleichbedeutend mit Knechtſchaft, Botmäßigkeit, Unſelbſtſtändigkeit, geiſtiger Vernichtung; wahrlich eine harte Ausſicht für ein ans Herrſchen gewöhntes Geſchlecht. Da bringt Sieg nicht bloß Ruhm, ſondern vor allen Dingen die Gewähr freien, ſelbſtſtändigen Handelns und vollen perſönlichen Auslebens. Darum dürfen Friedenszeiten nicht mehr Zeiten des Ausruhens ſein; ſie müſſen vielmehr der inneren Kräftigung, der ernſten Vorbereitung für neue Entſcheidung, der Sorge um neue beſſere Waffen dienen. Da ruft der beginnende oder drohende Kampf Aufregung und Beſorgniß um die theuerſten Güter hervor; da drängen ſich die Fragen nach der Wahrſcheinlichkeit des Sieges, nach der Sicherheit der Fundamente der eigenen Exiſtenz; da werden ſorglich alle Waffen ge⸗ prüft, damit Muth und Hoffnung den Arm ſtähle. Nun, ein ſolcher Kampf um die heiligſten Güter ſteht jetzt dem deutſchen Volke bevor. Nachdem es mit ruhmvollen Waffen die äußeren Feinde niedergeworfen, wartet ſeiner der ernſtere Streit um ſeine geiſtige Selbſtſtändigkeit. Ver⸗ heißt ihm der Sieg die Erfüllung ſeiner höchſten Wünſche; eröffnet ihm derſelbe die weiteſten Perſpectiven für ſeine geiſtige Entwickelung und zeigt er ihm in der Ferne eine neue und höhere Stufe der Kultur als Preis, für deſſen Erringung kein Einſatz zu hoch, kein Opfer zu groß ſein darf; ſo drohen ihm nach einer Niederlage die Zeiten des Mittelalters und damit der Verluſt ſeines nun Jahrhunderte dauernden Ringens nach den höchſten menſchlichen Idealen. Die Waffen aber in dieſem Kampfe der Geiſter ſind Geiſteswaffen; ſind die Stützen, durch welche unſer Vor ſtellen und Denken, unſre praktiſchen Grundſätze und ſittlichen Urtheile, unſre religiöſen Gefühle und Ideen getragen werden. Die Fundamente aber von all dieſer Erkenntniß ſind Gedächt⸗ niß und Verſtand, denn aus ihrem Zuſammenwirken entſtehen alle jene ſo wunderbar man⸗ nigfachen Formen unſres Geiſteslebens. Sind dieſe Waffen ſcharf und ſchneidig, ſind ſie von unſerm Volke am vorſichtigſten gehütet, ſo kann Siegeshoffnung unſer Herz erfüllen. Die fol gende Unterſuchung ſoll uns darüber Rechenſchaft geben und ihren wirkſamſten Gebrauch lehren.

Iſt ſomit die Unterſuchung jener Fundamente unſeres Bewußtſeins eine im höchſten Sinne zeitgemäße, ja nothwendige; wird ſie uns zeigen, wie wir unſre Jugend am beſten im Gebrauch dieſer Waffen einzuüben haben; ſo kommt zu dem unmittelbaren noch das wiſſenſchaftliche In⸗ tereſſe hinzu.

Eine umfaſſende und immer tiefer in die Lebensbedingungen der Organismen eindringende Forſchung hat uns eine Erkenntniß verſchafft, die dem Zweifel kaum noch unterworfeu