Üüber die Behandlung einiger Abſchnitte der deutſchen Grammatik auf der unteren Stufe höherer Lehranſtalten. Von Dr. Ludwig Tachau.
Seit vielen Jahren iſt eine lebhafte Bewegung im Gange, welche die Erreichung einer möglichſt vollkommenen Reinheit und Richtigkeit im Gebrauche unſerer guten deutſchen Mutterſprache zum Ziele hat. Mit ganz beſonderem Eifer hat ſich dieſe in der letzten Zeit vorwiegend wieder gegen die Fremdwörter gerichtet.) Nun muß zwar die gründliche Beſeitigung des„Miſchmaſches“ in unſerer Sprache— wie Leibnitz es einmal genannt hat— in aller Wunſche liegen, aber man ſollte durch eine einſeitige Be⸗ tonung gerade dieſes Punktes nicht die andere Seite jener Bewegung vergeſſen, die eine weit bedenklichere Erſcheinung bekämpfen will: das ſind die Verſtöße gegen die Sprachrichtigkeit, Naclläſſggkeiten und Fehler, welche gebildete Deutſche ſich in grammatiſcher und ſtiliſtiſcher Beziehung in Sprache und Schrift ohne Bedenken zu Schulden kommen laſſen. Denn ſchließlich gehört doch einerſeits nur ein bißchen Willenskraft dazu, um entbehrliche Fremdwörter zu vermeiden, andererſeits wird ja in lobenswerter Weiſe von Behörden ²) geradezu der Gebrauch einer ganzen Reihe von ſolchen verboten, die durch ſorgfältig gewählte gute deutſche Ausdrücke erſetzt werden. So kann denn der endliche Erfolg in dieſer Richtung nicht aus⸗ bleiben, ja ein großer Erfolg iſt ſchon zu verzeichnen¹²). Anders bei jenen Fehlern gegen die Sprach⸗ richtigkeit. Weder Willenskraft noch ein ſolches Verbot allein würde ſie aus der Welt ſchaffen, oder auch nur eindämmen können. Und daß der„ſprachlichen Sünden“ nicht wenige und recht ſchwerwiegende ſind, das lehrt ein Blick in Bücher wie Andreſen,„Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit“(Heilbronn Henninger, 5. Aufl. 1887); Lehmann,„ſprachliche Sünden der Gegenwart“(Braunſchweig, Wreden, 3. Aufl. 1882); Lyon,„das Schrifttum der Gegenwart und die Schule“ in der Zeitſchrift für den deutſch. Unterricht I, S. 14 ff.—
Daß nun die Schule die heilige Aufgabe hat, mit allem Ernſt und Nachdruck ſolchen Fehlern ent⸗ gegenzuarbeiten und ihnen vorzubeugen, liegt auf der Hand. Trägt ſie doch im Grunde genommen für dieſe Erſcheinungen weit mehr die Verantwortlichkeit, als für den Fremdwörter⸗Unfug, der meiſtens erſt von den der Schule längſt Entwachſenen ausgeht! Und wenn Sarrazin“) ſchon für„den endlichen
¹) Auch in einem Programme unſerer Schule(1884) iſt die Bedeutung der Fremdwörterfrage von Dr. Kuttner dargelegt worden.
¹) Ich erinnere nur an die Bemühungen unſeres Generalpoſtmeiſters Stephan.— Vgl. auch„Verdeutſchung von Fremdwörtern für den öffentl. Dienſt im Großherzogtum Sachſen“ im Pädag. Archiv. 29, 612 ff.
*) Es iſt beiſpielsweiſe darauf hingewieſen worden, daß in Kaiſer Wilhelms Bekanntmachung an das deutſche Volk vom 17. Januar 1871 unter 240 Wörtern nur 2 Fremdwörter ſtehen(national und Titel). Die Thronrede zur Eröffnung des deutſchen Reichstags am 24. November 1887 zählt 959 Wörter, darunter nur 20 eigentliche Fremdwörter.
⁴) In ſeinem Vortrage über„die Verdeutſchungsbeſtrebungen der Gegenwart“ auf der Abgeordneten⸗Verſammlung des Verbandes deutſcher Architekten⸗ und Ingenieur⸗Vereine zu Frankfurt a. M. 1886.


