An die Eltern unſerer Schüler.
Immer wieder aufs neue fühlt die Schule das Bedürfniß, ſich den Eltern gegenüber, die ihr ihre Kinder anvertraut haben, auszuſprechen, dieſelben darauf hinzuweiſen, daß Schule und Haus gemeinſchaftlich an den Kindern zu wirken haben, und denjenigen unter ihnen, die deſſen bedürfen, klar zu machen, was die Schule von ihnen verlangen muß.
In dieſem Sinne habe ich mich vor zwei Jahren ausführlicher geäußert. Man hat wohl ge⸗ meint, was ich da geſchrieben, damit abthun zu können, daß man von mir ſagte: Er„wendet ſich darauf an die Eltern der Schüler, um ihnen die Einrichtungen der Schule ans Herz zu legen“.*) Ich glaube doch, daß ich noch mehr als dies gethan habe. Zu den Eltern der Schüler unſerer Schule mußte ich von unſerer Schule— auch von ihren„Einrichtungen“— ſprechen. Es wird aber doch vieles, was da geſagt worden iſt, auch anderwärts, wo andere„Einrichtungen“ beſtehen, ſeine Geltung haben. Uebrigens iſt es mir genug, wenn die Worte, die ich in guter Abſicht ſage, an der Stelle, an die ſie gerichtet ſind, wirken. Und gewirkt haben jene Worte ohne Zweifel mehr, als wenn ich mich im allgemeinen über die Grundlagen des Verhältniſſes von Schule und Haus verbreitet hätte. Und ſo will ich denn, unbekümmert um das Urtheil Fernſtehender und in der Hoffnung, daß auch die hier folgenden Worte Beachtung finden, fortfahren von ſolchem zu ſprechen, das uns den Eltern unſerer Schule gegenüber gerade unſern neuern Erfahrungen gemäß zu ſagen paſſend erſcheint.
Der Vater eines unſerer Zöglinge hat, einer ſchriftlichen Aeußerung nach, das, was über die häusliche Sorge für die Schularbeiten geſagt war, nicht ſo, wie es gemeint war, verſtanden. Er glaubte, wenn die Eltern die Arbeiten der Kinder prüfen ſollten, thäten ſie beſſer, ihre Kinder zu Hauſe zu behalten und ſelbſt zu unterrichten. Wir haben ihm im Laufe des Jahres darüber ge⸗ ſchrieben. Es ſei hier aber ihm und allen Eltern, die deſſen bedürfen, nochmals erklärt, was wir meinen.
Es iſt durchaus nicht davon die Rede, bei einer Rechnung oder einer franzöſiſchen Ueberſetzung oder einem deutſchen Aufſatze in der Art zu helfen, daß das, was der Lehrer im Hefte zu ſehen be⸗ kommt, eigentlich die geiſtige Arbeit der Eltern, und von den Kindern nur eben hingeſchrieben iſt. Wir finden manchmal Spuren auch einer ſolchen Hülfe. Wenn z. B. in dem Anfeaatze eines Elf⸗ jährigen Wendungen vorkommen, die einem Knaben nicht geläufig und nicht natürlich ſind, die bei ihm altklug erſcheinen, ſo hat da offenbar etwa der Vater geholfen, und zwar zu viel geholfen. Wir billigen dies nicht. Die Kinder kommen auf dieſe Weiſe nicht zur rechten Selbſtſtändigkeit. Der Stil mag bei einem Knaben vorerſt immerhin noch etwas kinderhaft ſein; das ſchadet nichts. So wie im Schönſchreiben die Schulhand des Schülers ſpäter einer geläufigeren Platz macht, ſo bildet
*) Lüben, pädagog. Jahresbericht XXII. S. 643.


