Aufsatz 
Die Schule und die Tagesfragen
Entstehung
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dieſer neuen Schule ſehr leicht mit ſich zufrieden ſein, wenn er nur nicht der bürgerlichen Strafe verfällt, mag er dies nun ſeiner Tadelloſigkeit oder der Schlauheit, mit der er die Geſetze umgeht, verdanken. Vielleicht würde er auch manchmal, überlegend, ob er etwas, wozu ihn ſeine Luſt treibt, thun ſolle, erſt im Geſetzbuche nachſehen, welche Strafe für eine ſolche Handlung beſtimmt iſt, und erwägen, ob er es daraufhin wagen ſolle,— oder auch weiter erwägen, durch welche Mittel er ſich etwa der Strafe entziehen könne.

Doch wir thun Herrn Mitzenius vielleicht unrecht. Gegen Ende zeigt er allerdings ziemlich deutlich, daß er keine allgemein gültige Sittlichkeit annehme; weiter oben aber ſagt er, es würden durch ſolchen Unterricht„manche Begriffe über Recht und Unrecht nachdrücklicher feſtgeſtellt.“ Sehen wir aber genauer zu, ſo ſcheint uns hervorzugehen, daß er nicht meint, was an ſich, oder nach unſerer chriſtlichen Sittenlehre, ſondern was eben nach den bürgerlichen Geſetzbüchern recht oder unrecht ſei.

In ſolchem Unterrichte iſt nichts Erhebendes, Erwärmendes, nichts, das ſchützen könnte in den Anfechtungen des Lebens.

Tauſchinski, der die chriſtliche Sittenlehre verwirft*), will der ſeinigen doch auch eine feſte Grundlage geben. Er ſagt(No. 14):„Die Sittenlehre bedarf einer Begründung, eines Funda⸗ mentes, auf das man ſie ſtelle, eines Prinzipes, aus dem ſie abgeleitet und nachgewieſen werden kann. Dieſes Fundament iſt die Erkenntniß der Natur und Menſchheit in ihren Wechſelbeziehungen, es iſt ein ſyſtematiſcher Einblick in die geſamten Verhältniſſe des Lebens. Beides zuſammen iſt aber Religion!“— Nun, er mag ſehen, wie weit er in ſeinem, wie ich wohl glauben will, ganz redlichen Streben kommt, und ob er durch ſeine Belehrungen über die Wechſelbeziehungen von Natur und Menſchheit auch ſeine Anhänger zu einer reineren Sittlichkeit bringt als die iſt, die wir Chriſten mit Hülfe Gottes erſtreben. Wir aber bleiben einſtweilen dabei, unſern Schülern Gottes Willen zu verkündigen, und wir glauben ſomit, ihnen ein hohes, feſtes Ziel vorgeſteckt zu haben. An ihnen iſt es nun, nach Erreichung dieſes Zieles zu ſtreben.

Wir wenden uns zu der äußeren Welt, zu der Natur. Entgegengeſetzte Anſichten herſchen beſonders mit Bezug auf das dritte und das erſte Naturreich. Iſt der Granit metamorphiſch oder nicht? Iſt die Urſache der Erdbeben in Einſtürzen von Schichten, die durch Auswaſchung etwa von Gipſen ihre feſte Unterlage eingebüßt haben, oder in der plötzlichen Ausdehnung von Gaſen zu ſuchen? Hat es verſchiedene ſogenannte Schöpfungsperioden gegeben oder verändert ſich die Rinde der Erde, vielleicht von Ewigkeit her, ſtetig und ganz allmählich? Das ſind wiſſenſchaftliche Fragen. Ihre Löſung hängt einerſeits von vielen Beobachtungen und Vergleichungen und daraus zu ziehenden Folgerungen ab, andrerſeits aber auch von Grundanſchauungen, die über die Wiſſenſchaft der Geologie hinausgehen. Vor hundert Jahren noch hielt mancher die in Gebirgsſchichten vorkommenden Muſcheln für ſogenannte Naturſpiele. Das thut jetzt wohl niemand mehr. Wohl habe ich aber einmal die

damit war er zufrieden“.— Nach den Anſchauungen, die wir in jenem Sagentkrkeiſe finden, folgte aus dieſer Zufrieden⸗ heit Thatloſigkeit und, trotz Weisheit und Wiſſen und Stärke, auch Ruhmloſigkeit.— Auch nach unſeren Anſchauungen führt Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, auf ſittlichem Gebiete, zur Thatloſigkeit; ſie hemmt jedes Streben.— Zu vergleichen iſt einigermaßen Leſſings Wort, der dem Beſitze der Wahrheit das ewige Streben nach Wahrheit vorzog, und Kants Ausſpruch über das Staunenswerthe des Sittengeſetzes in uns.

.“) Volksbote 1871, No. 13, 1. Juli:„Das Chriſtenthum wirkt geradezu unſittlich, da es eine Vergebung der Sünden lehrt.“— No. 14, 15. Juli:„Die chriſtliche Sittenlehre iſt durch und durch unvollkommen und muß aus den Erfahrungen der Jahrtauſende, die ihren Unwerth geoffenbaret haben, ergänzt werden.“