Aufsatz 
Die Schule und die Tagesfragen
Entstehung
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Die Schüler müßten ſpäter, als Erwachſene, wenn ſie in die Jahre gekommen ſind, wo ſie ſelbſt prufen können, zuſehen, ob ſie bei dieſer Lehre ſich beruhigen können. Da es nun bei uns bis jetzt noch nicht ſo weit gekommen iſt, da wir uns noch Chriſten nennen, ſo geben wir die chriſtliche Lehre, die Lehre von Gott als Schöpfer Himmels und der Erden. Auch unſere Schüler mögen, in die Jahre des Verſtandes gekommen, zuſehen, ob ſie ſich dabei beruhigen. Ich glaube aber, ſie werden es können.

Während wir nun in den unteren Klaſſen bibliſche Geſchichte nehmen, geben wir in den oberen den Schülern die Bibel ſelbſt in die Hand und leſen mit ihnen. Sollte es nöthig ſein zu ſagen, daß auch dieſes Leſen mit verſtändiger Auswahl geſchehe? oder daß dem Leſen ein Erklären zur Seite gehe? Auf dieſe Weiſe wird den Schülern dieſes Buch, das auch auf ſeine Gegner weit mehr Einfluß geübt hat, als ſie ſelbſt wiſſen, bekannt; ſie lernen es ſchätzen; ſie erfahren, daß es nicht etwa ein Buch iſt, aus dem man Naturgeſchichte oder Aſtronomie zu lernen habe, daß es abernütze iſt zur Lehre, zur Strafe, zur Beſſerung, zur Züchtigung(Erziehung, Weiterbildung) in der Gerechtig⸗ keit(2. Tim. 3, 16). Sie haben wohl ſchon, noch während ihrer Schulzeit, ſeine Macht an ihrem Herzen erfahren. Es wird ihnen niemand einreden können, daß es nur Abergläubiſches, Irriges enthalte.

Das eigentlich Dogmatiſche im Zuſammenhange hat allerdings die Schule meiner Anſicht nach nicht zu behandeln; das hat ſie dem Geiſtlichen zu überlaſſen. Dies habe ich in der Einladungsſchrift von 1870 nicht ausdrücklich geſagt; ich will es alſo hier nachholen. Nach dieſer Anſicht handle ich übrigens auch ſelbſt ſeit mehr als zwanzig Jahren.

Daß bei unſerm Religionsunterrichte auch Ausſprüche der heiligen Schrift dem Verſtändniſſe

näher gebracht und dem Gedächtniſſe anvertraut werden, und daß der reiche Schatz unſerer Kirchen⸗

lieder nicht verſchloſſen bleibt, iſt ſelbſtverſtändlich.

Wenn nun alſo ſo die Schule die Kinder mit dem Geſchichtlichen, das unſere heiligen Schriften bieten, bekannt macht; wenn ſie ihnen die uns da vorgeführten großen Geſtalten, namentlich die eine, größte, die des Erlöſers, näher bringt; wenn ſie die Bibel ſelbſt entfaltet und dabei, ſo wie ich es in der vorigen Einladungsſchrift*) an einigen Beiſpielen zu zeigen verſucht habe, recht genau auf den Sinn eingeht; wenn ſie ſomit, allerdings der Faſſungskraft der Jugend Rechnung tragend, zeigt, welche Ideen unſere Religion durchdringen und welches freilich dem Menſchen, ſo lange er Menſch iſt, unerreichbare Ideal auch für das Handeln dieſe Religion uns aufſtellt: dann trägt ſie, ſo viel an ihr iſt, dazu bei, den Menſchen zu kräftigen, ſo daß er nicht von jedem Winde der Lehre ſich bewegen laſſe; ſie trägt dazu bei, den Sinn für Religion, der jedem Menſchen eingeboren iſt und der hauptſächlich ihn von dem nur in Sinnlichem und für Sinnliches lebenden Thiere unterſcheidet, zu pflegen. Und nun kann ſie den Schüler entlaſſen in dem Bewußtſein, ihm auch Widerſtandskraft gegeben zu haben gegen die Einflüſſe verderblicher Lehren, eine Kraft, die er dann freilich auch anwenden muß.

Auf ſolche Weiſe ſuchen wir die Schüler fähig zu machen, einſtens als Männer feſtzuſtehen in den Kämpfen auf dem religiöſen Gebiete und der Richtung zu folgen, die ſie, nach ihrem Nachdenken

*) Einladungsſchrift d. mittl. Bürgerſchule 1871.