Aufsatz 
Die Schule und die Tagesfragen
Entstehung
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Wiſſen und der Grad ihrer Geiſtesreife einigermaßen zum Urtheil und zur Wahl. Aber bei den hochſten, ſchwierigſten Fragen, wie über Entſtehung der Welt, über die beſte Staatsverfaſſung, über die gedeihlichſte Einrichtung der geſellſchaftlichen Verhältniſſe, überhaupt bei ſolchen Fragen, zu deren Löſung die ganze geiſtige Kraft eines gereiften Mannes kaum zureicht, würde es nicht als angemeſſen erſcheinen. Denn die Kraft des jugendlichen Denkers würde bei weitem nicht im Stande ſein, dem Lehrer zu folgen. Auch würde ſich bald zeigen, daß dieſes Hinhalten und Prüfenlaſſen den Schülern langweilig und peinlich würde. Die Jugend iſt von Natur gläubig; Beſtimmtes, Poſitives verlangen unſere Schüler von uns; das ſollen wir ihnen geben.

Aber kommen wir hier nicht wieder zurück auf das, was wir oben, als wir ſprachen vom feſten Einprägen deſſen, was die Kirche glaube und der Staat fordere, verworfen haben? Nein! Jene wollen Poſitives geben, wir auch; hierin ſind wir einig. Wir aber wollen, daß an der An⸗ eignung beſtimmten Stoffes der Verſtand der Schüler ſich übe und ſtärke, daß ihr Blick klar und frei nach allen Seiten umſchaue, daß ihr Gemüth erwärmt, daß ihr Wille richtig geleitet werde. Und wenn wir, dies im Auge behaltend, alle Kraft, die uns dafür zu Gebote ſteht, auf den Unter⸗ richt verwenden; und wenn wir(das iſt wichtig!) auch in unſerm eigenen Leben der Jugend ein Beiſpiel geben: dann ſoll es uns doch auch wohl wenigſtens bei denjenigen Schülern, die nicht von fremdem, uns feindlichem Einfluſſe beherſcht werden, gelingen, ſie ſo zu entlaſſen, daß zu hoffen ſteht, ſie werden ſpäter in den Kämpfen des Lebens nicht erliegen, ſie werden, ſollten ſie auch einmal auf einen Irrweg gerathen, doch bald den rechten Weg wieder finden und ſicher auf ihm fortwandeln.

Wenn wir oben geäußert haben, daß Streitfragen fern zu halten ſeien, ſo iſt damit natürlich nicht geſagt, daß die Gebiete, auf welchen ſich die Kämpfe bewegen Religion, Natur, Staat, Ge⸗ ſellſchaft nicht in der Schule betreten werden dürften; es liefern ja manche von ihnen einen ganz weſentlichen Theil unſeres Unterrichtsſtoffes, und die Art, wie wir auf dieſen Gebieten den Unterricht betreiben, iſt ſehr wichtig für die Löſung unſerer Hauptfrage.

Es gilt dies zumal vom Unterrichte in der Religion. Ich ſpreche jetzt nicht darüber, daß manche wollen, der Religionsunterricht ſolle ganz aus der Schule verbannt werden; auch nicht darüber, ob er konfeſſionell ſein ſolle oder nicht; meine Anſicht hierüber habe ich früher*) dargelegt. Sie iſt, trotz mancher von verſtändiger, wohlmeinender Seite dagegen geäußerten Einwendungen, noch dieſelbe; mit Bezug auf einen einzigen Punkt werde ich weiter unten Gelegenheit nehmen, ſie genauer aus⸗ zuſprechen, um einem möglichen Mißverſtändniſſe vorzubeugen. Ich nehme alſo konfeſſionellen Reli⸗ gionsunterricht als bei uns thatſächlich gegeben an, und zwar ſpreche ich, als evangeliſcher Chriſt, vom evangeliſch⸗chriſtlichen Religionsunterrichte. Ein Lehrer nun, der ſich in Hauptſachen innerlich im Widerſpruche fühlt mit dem, was die Kirche lehrt, welcher er äußerlich angehört, ein ſolcher Lehrer ſollte natürlich dieſen Unterricht nicht übernehmen. Von denjenigen, die ſich, nach ihrer Auffaſſung, in den Hauptſachen in Uebereinſtimmung glauben mit ihrer Kirche, hat vielleicht mancher eine freiere, mancher eine ſtrengere Richtung. Es wird dies allerdings nicht ohne Einfluß auf die Art des Unterrichts ſein. Aber die Hauptlehren, von Gott dem Schöpfer, von Jeſus Chriſtus dem Erlöſer, von dem Fortleben nach dem Tode kann und wird jeder von beiden geben. In den unteren Claſſen wird bibliſche Geſchichte durchgenommen, einfach, wie ſie uns überliefert iſt. Wie viel davon nun eigentlich

*) Einladungsſchrift d. mittl. Bürgerſchule. 1870. S. 7 10.