Dr. Abraham Levi.
Nekrolog.
Im verflossenen Jahre, das unserer Schule so viel Erfreuliches brachte, hatten wir leider auch einen schmerzlichen Verlust zu betrauern. Am 12. August v. J. starb unser teurer Kollege, Dr. Abraham Levi, im vierundsechszigsten Jahre seines Lebens, nachdem er unserem Kollegium mehr als dreiundzwanzig Jahre angehört hatte.
Am 2. August 1818 in Peiskretscham in Oberschlesien geboren, in einer Privatanstalt für die Universität vorgebildet, studierte er in Berlin und promovierte noch in späteren Jahren am 6. November 1867 in Tübingen. Von 1840 bis 1848 war er Prediger und Religionslehrer in Hirschberg in Schlesien und Vorsteher einer Anstalt zur Vorbereitung bis zur Tertia eines Gymnasiums. Seiner religiösen Überzeugung brachte er 1848 das Opfer seiner Stellung, priva- tisierte bis 1852 in Landshut, bekleidete von 1852 bis 1858 die Oberlehrerstelle an der jüdischen Bürgerschule in Elmshorn in Holstein, und wurde 1858 als ordentlicher Lehrer an unsrer Schule angestellt, mit der er fortan aufs innigste verwachsen war. Er war Ordinarius der Tertia und der zweiten Klasse der Töchterschule. Seine Hauptfächer waren Deutsch und Geschichte neben dem Hebräischen, bei dem er stets die Gewinnung des Geistes und Herzens für die religiõse Wahrheit als das eigentliche Ziel betrachtete. Bereits seit mehreren Jahren hatte seine Arbeits- frische abgenommen und eine Entlastung nötig gemacht. Im Juni vorigen Jahres erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nur langsam und schwer erholte. Zu unsrer schmerzlichen Überraschung kam er am 9. August in die Schule und erklärte, er wolle seinen Unterricht wieder aufnehmen, er ertrage kein Leben der Unthätigkeit. Er war nicht davon abzubringen, und um ihn nicht aufzuregen, wurde ihm bemerkt, er solle sich denn selbst die Stunden bestimmen, aber nicht mehr als eine im Tage. Da wünschte er denn zuerst die eine, dann die andre und so kamen denn zuletzt— sämtliche Stunden heraus, er mochte keine missen, sie waren ihm eben alle ans Herz gewachsen.—— Er kam noch zweimal, es waren seine zwei letzten Stunden, er sollte das Ende der Woche nicht mehr erleben. Der Schlaganfall wiederholte sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, er starb nachmittags gegen drei.
Es war ein reiches Leben, das an diesem Freitag nachmittag seinen hiniedigen Ab- schluß fand, ein Leben reich an Liebe und Treue und reich an selbstloser Hingebung, zwar reich auch an Kampf und Entsagung und Mühsal, aber auch reich an jenen stillen beglückenden Freuden, die nur der Lehrer kennt, der an die Förderung seiner Schüler sein bestes Wollen und Können setzt. Eine solche warmherzige, einer jeden sich ihm erschließenden Sehülerindi- vidualität unmittelbar nahetretende Lehrerpersönlichkeit war unser beimgegangener Kollege. Darum schmerzte es ihn stets so tief, wo er sich getäuscht glaubte. Und es war nicht schwer


