Die Einweihung des neuen Schulhauses am Tiergarten.
Am Mittwoch, den 21. Dezember 1881, 10 Uhr vormittags, wurde das am Tiergarten gelegene neue Schulhaus eingeweiht. Dieser Tag ist für unsere Schule von so großer Bedeu- tung, er bildet so sehr einen Abschnitt in ihrer Geschichte, daß ein kurzer aus den Akten ge- wonnener Rückblick auf ihre Entwickelung angezeigt erscheint, bevor wir zur Beschreibung des Hauses und der erhebenden Einweihungsfeier übergehen. Wir folgen hierbei sowie namentlich bei der Beschreibung des Neubaues im wesentlichen einer von uns in dem Werke:„Frankfurt a. M. in seinen hygienischen Verhältnissen und Einrichtungen“*) gegebenen Skizze.
Die Geschichte unserer Schule hängt aufs innigste mit der Geschichte unserer Religions- Gesellschaft zusammen, die in ihr die wichtigste Basis ihres Bestehens erblickt. Seit dem Anfang dieses Jahrhunderts hatte nämlich die Mehrzahl der hiesigen israelitischen Gemeinde sich immer mehr von dem traditionellen Judentume entfernt und, dem Reformjudentume huldigend, die Gemeinde-Institutionen, namentlich die 1806 gegründete Gemeindeschule, in den Dienst dieser Richtung gestellt. Die gesetzestreue Minderheit wurde dadurch genötigt, die Gründung einer besonderen Religions-Gesellschaft anzustreben und sich alle religiösen Institutionen neu herzu- stellen. Erst nach fast fünfzigjährigen unausgesetzten Bemühungen gelang es im Jahre 1848 elf gesetzestreuen jüdischen Männern, denen sich bis zum Jahre 1850 noch etwa 60 Genossen anschlossen, von der Regierung die Erlaubnis zu erwirken, sich als eine eigene Religions-Gesell- schaft zu konstituieren, einen eigenen Rabbiner anzustellen und die zur Befriedigung ihrer religiö- sen Bedüfnisse erforderlichen Anstalten auf eigene Kosten neu zu schaffen. Als im Jahre 1851 Samson Raphael Hirsch, ihr als geistiges Haupt der gesetzestreuen Judenheit hochver- ehrter Rabbiner, sein Amt antrat, gelang es ihm, nachdem der Bau der Synagoge bereits in Aus- sicht genommen war, den kleinen Kreis seiner Gemeinde von der Wahrheit zu überzeugen, daß wenn auch das gemeinsame Gotteshaus einen wichtigen Mittelpunkt ihrer Vereinigung bilden werde, sie doch den rechten Boden für ihre Bestrebungen und die einzige Aussicht auf eine Zukunft erst gewinnen könnten mit der Errichtung einer Schule für die Jugend beiderlei Ge- schlechts auf der altjüdischen Basis: talmud thora im derech erez, der Pflege der religiösen wie
*) Frankfurt am Main in seinen hygienischeu Verhältnissen und Einrichtungen. PFestschrift zur Feier des fünfzigjährigen Doktor-Jubiläums des Herrn Geh. Sanitätsrat Dr. Georg Varrentrapp. Herausgegeben von Kollegen, Freunden und Mitbürgern des Jubilars. Redigiert von Dr. Alexander Spiess. Verlag von Mahlau& Waldschmidt Frankfurt a. M. 1881.⸗


