Aufsatz 
Festrede bei der Feier von Schillers Todestag am 9. Mai 1905
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Und als die Gefahr der völligen Unterjochung durch den fränkischen Cäsar dem patriotischen, durch das Geschichtstudium geschärften Blicke Schillers sich immer deutlicher darstellte, da ent- nimmt er aus Frankreichs Geschichte, in der Jungfrau von Orleans, das Vorbild höchster vaterlän- discher Begeisterung und Hingabe, durch die ein untergehendes Volk und Reich gerettet wird, und ruft es Deutschlands Fürsten und Volke in's Gewissen: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre!

Doch noch umsonst. Drohender zog das Unwetter von Westen herauf. Da liess der weit- schauende Dichter noch einmal seine Warnerstimme eindringlicher im Wilhelm Tell erschallen, diesem Freiheits- und Vaterlandsgedicht, in dem er uns das herrlichste Bild echten deutschen Volkstums, mit deutscher Treue und Innigkeit und auch mit deutscher Heimats- und Vater- landsliebe gesättigt, vorführt. Da mahnt er durch den Mund des alten Attinghausen, des treuen Hüters seines Landes, erst die Tausende von vaterlandslosen Jünglingen und Männern:

An's Vaterland, an's teure, schliess' dich an,

Das halte fest mit deinem ganzen Herzen;

Da sind die starken Wurzeln deiner Kraft! und dann das ganze vielfach zerrissene und in sich feindlich zerspaltene deutsche Volk mit den ergreifenden letzten Worten des sterbenden Greises:

Seid einig einig- einig! Und dazu das leuchtende Vorbild des Rütlibundes mit dem heiligen Gelöbnis:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen und Gefahr!

Was der Dichter-Seher hier im Bilde zeigt, das ist freilich bei uns erst nach zwei Menschenaltern wahr geworden, als in Bismarck und Kaiser Wilhelmdie Retter kamen diesem unserm Lande. Aber dass dies geschehen konnte, dass unser Volk das Joch der Fremdherr- schaft zerbrach, dass nachher in der langen Zeit unerfüllter patriotischer Hoffnungen diese nicht erstarben und dass endlich die spröden Glieder des deutschen Volkes politisch und auch im Geiste zusammengeschweist sind, daran hat Schiller einen ganz hervorragenden Anteil.

Soll er nun, der Dichter des Ideals und der Sittlichkeit, der Kraft und der Grösse, der Freiheit und des Vaterlandes, soll er auch fürder bleiben der Führer und Erzicher unserer Jugend, des deutschen Volkes Lieblings- und Nationaldichter? Oder hat ihn Deutschland, das wieder geeint, gross, reich und angesehen dasteht, nicht mehr nötig? Vielleicht mehr, denn ehedem.

Denn während einerseits eine immer stärker anschwellende Partei darauf ausgeht, die alten, geheiligten Ordnungen zu zerstören, und durch die Predigt falscher Freiheit die Massen betört, erleidet andrerseits in dieser Zeit hochentwickelter materieller Kultur der Idealismus und die sittliche Grösse bei Hoch und Niedrig Einbusse. Fast scheint es, dass

a41 Sollte er, unser Schiller Der göttliehe Kunen Uns wirklich also gestorben sein? Vertimuu vwill aus⸗ dem Herde der Deutschen Nein, nein, er lebti

8 1 Im Hasten nach äusser'm Genuss und Gewinn, Und du, lebend. Geschlecht Im herzertötenden täglichen Kampfe Um's kleinliche Dasein,

Durch nimmer erschlaffendes Ringen Nach des Daseins höchsten, edelsten Gütern

Beweise In öder Parteisucht, 3. Dass treu du noch hütest Im Hader der Stände und Stämme. Deines Dichters Erbe!*)

*) Aus denn Eingangs-Gedicht zur Schiller-Nummer der IIlustrierten Zeitung, von Ernst Scherenberg, z. T. umgebildet.