Aufsatz 
Beschreibung des neuen Gymnasialgebäudes / von dem Stadtbaumeister Gollhofer
Entstehung
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stets eine achtunggebietende Stellung in der Welt einnahm, wie dagegen das Vaterland, zerrissen und zersplittert, ein Spott und ein Spielball anderer Völker war., Er muss zeigen, wie die zielbewusste Politik des Hohenzollernhauses Deutschland aus tiefster Erniedrigung und Zerrissenheit wieder hinauf- geführt hat zu Macht und Ansehen. Nicht darf die Geschichte wieder werden zu einem Knochengerüste von Jahreszahlen der Regierungszeiten und Schlachten, sie muss vielmehr den Geist der einzelnen Zeitepochen zu erfassen suchen nach ihrer politischen, kulturellen und sozialen Bedeutung.

Unsere heutigen Wirtschafts- und Verkehrseinrichtungen beruhen im wesentlichen auf den Ergeb- nissen der in den letzten Jahrzehnten mächtig aufgeblühten Naturwissenschaften. Den Anspruch auf den Namen eines Gebildeten kann hente der kaum noch erheben, der nicht wenigstens mit den Grund- zügen der modernen Naturwissenschaft vertraut und imstande ist, die wichtigsten Erscheinungen der Technik zu verstehen. Hieran darf keine höhere Schule der Neuzeit achtlos vorübergehen. Da diese Vorgänge ohne mathematische Kenntnisse nicht zu begreifen sind, so müssen Mathematik und Natur- wissenschaften einen nicht zu eng begrenzten Raum im Lehrplan des Gymnasiums erhalten. Hierzu zwingen aber noch andere Ueberlegungen. Eine logische Schulung des Menschengeistes ist für folge- richtiges Denken und Schliessen unerlässlich. Wie aber könnte diese besser erworben werden als durch gründliches Studium der Mathematik, der Lehrmeisterin und des Vorbildes aller Logik?

Durch den ungeheuren Umschwung in den Verkehrsverhältnissen sind die Völker einander näher gerückt. Entfernungen gibt es nicht mehr als Hindernisse des Verkehrs. Darum müssen auch unsere geographischen Kenntnisse des klein gewordenen Erdballs in auderer Weise als früher gestaltet werden. Zu wissen, wie viel Einwohner dieses Land, jene Stadt hat, wie viel Meter jener Berg mit dem un- aussprechlichen Namen sich über die Erdoberfläche erhebt, hat für uns kein wesentliches Interesse. Wir wollen wissen, welches die geologischen und klimatischen Verhältnisse eines Landes sind, was es an Tieren und Pflanzen hervorbringt, was unser Land ihm und was es uns liefern kann, wie seine Bewohner geartet und wie die jetzigen oder die möglichen zukünftigen Verkehrswege beschaffen sind.

Der rege Austausch von Erzeugnissen der Wissenschaft und Kunst unter den Kulturvölkern stellt an die Schule die unabweisbare Forderung, ihre Schüler in wenigstens einer der für den Welt- verkehr bedeutungsvollen Fremdsprachen so weit zu fördern, dass sie imstande sind, sich durch einen kurzen Aufenthalt in dem fremden Lande seine Sprache zu mündlichem und schriftlichem Gebrauche anzu- eignen. Soll dieser Zweck erreicht werden, so muss die Behandlung der neueren Sprachen in der Schule eine andere sein als die der alten. Sie, die lebenden, sollen lebendig behandelt, als Verkehrsmittel der Menschen betrachtet und deshalb schon möglichst früh zum mündlichen Gebrauch verwandt werden.

Eine neue Frage hat die Neuzeit aufgerollt, und vielleicht ist gerade unser Jahrhundert dazu be- rufen, sie zu lösen; es ist die soziale. Mächtig gärt es in den unteren Schichten unseres Volkes wie auch der anderen Kulturvölker, nach Luft und Licht ringt der vierte Stand. Wie aber in jeder Zeit der Gärung weit über das Ziel hinaus geschossen wird wir brauchen nur an die Kämpfe des dritten Standes während der französischen Revolution zu denken so auch bei der heutigen Bewegung. Fort mit Thron! fort mit Altar! lautet der Ruf der irre geleiteten Massen, und so wird das, was ein natür- licher Entwicklungsprozess ist und sein sollte, zu einer drohenden Gefahr für die Grundpfeiler unseres Staatslebens. Der Auswüchse wegen sich den berechtigten Forderungen verschliessen, hiesse die Gefahr nur vergrössern. Hier hat die Schule eine grosse Aufgabe zu lösen. Sie muss an der Hand der Ge- schichte aber nicht nur in der Geschichtsstunde dem jungen Manne zeigen, was in der sozialen Strömung berechtigt und was als unberechtigter Auswuchs zu betrachten ist. Die Pflicht, das eine zu fördern, das andere zu bekämpfen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, muss die Schule dem Jüngling warm ans Herz legen. Mehr aber als besondere Belehrung werden wir in dieser Hinsicht bei unsern Schülern erreichen, wenn wir sie im Geiste wahren Christentums erziehen und ihnen das Gebot der Nächstenliebe, wie Christus es aufgestellt hat, tief ins Herz pflanzen.

Gross und mannigfaltig sind hiernach die Aufgaben, die dem Gymnasium der Neuzeit gestellt sind, und dabei ist noch eine gefährliche Klippe zu vermeiden. Es darf sich nicht zersplittern in so und so viel Einzelbestrebuugen, die sich gegenseitig den Boden abgraben oder gar offen bekämpfen. Der einheitliche Gedanke muss das Ganze durchziehen, junge Leute heranzubilden für die grossen Aufgaben des deutschen Volkes in der Gegenwart. Nicht Fachschule für die eine oder andere Berufsart darf das Gymnasium werden, sondern es muss eine allgemeine Bildungsanstalt sein, die ihre Abiturienten befähigt, in jedem Berufe Erspriessliches zu leisten.

Möge es dem jungen Limburger Gymnasium in seinem neuen schönen Heim vergönnt sein, in diesem Geiste zu wirken! Möge hier stets die Jugend herangezogen werden zu wahrer Gottesfurcht, echter Vaterlandsliebe und Treue zum angestammten Herrscherhaus, zu gewissenhafter Pflichterfüllung, zu ernstem Streben nach Wahrheit und echter Wissenschaft! Dann wird auch von diesem Haus das Wort gelten: Mens sana in corpore sano. Das walte Gott!

Mit dem Gesang des Dankliedes von C. Schulz schloss die würdige Feier.

Nachmittags um 2 Uhr versammelten sich die geladenen Ehrengäste, die Mitglieder der städtischen Körperschaften, das Kuratorium und Lehrerkollegium des Gymnasiums und eine grosse Zahl ehemaliger Schüler der Anstalt und Bürger der Stadt zu einem Festmahl im Preussischen Hof. Die Reihe der Trinksprüche eröffnete Herr Ober- und Geheimer