— 21— mit Befriedigung und mit Stolz; denn ich denke, dieser Prachtbau wird auch den weitgehendsten Ansprüchen genügen. Es ist ein herrliches Zeichen der blühenden Entwickelung der Residenz Cassel, dass sie im Stande war, eine solche Aufwendung zu machen, und zugleich ein beredtes Zeugnis für den idealen Sinn, der die Stadt Cassel und ihre Bevölkerung beherrscht, und für das Herz, das die Stadt für ihre Schulen hat.
Die Oberrealschule wurde im Jahre 1843 als Realschule errichtet. In den Jahren 1869. bis 1879 hiess.sie„Höhere Bürgerschule“ und nachdem noch eine 7. Klasse den vorhandenen 6 Klassen hinzugefügt worden war, war sie dem damaligen Schematismus entsprechend eine Real- schule II. Ordnung. Als im Jahre 1892 die neuen Lehrpläne eingeführt wurden, stand die Stadt vor der Alternative, entweder den 7. Lehrgang wieder eingehen zu lassen oder die Schule in eine neunklassige Oberrealschule auszubauen. Nach langandauernden Erwägungen entschieden sich die städtischen Behörden für das letztere. Die staatliche Genehmigung wurde erteilt, jedoch mit dem Vorbehalte, dass die Parallelklassen auf der unteren- und mittleren Stufe möglichst bald von der Vollanstalt abgelöst und der neuen Realschule angegliedert würden. Diese„Neue Realschule“, jetzt„Realschule“ schlechtweg genannt, war im Jahre 1888 in dem oberen Stockwerk der Gewerbe- halle untergebracht worden. Der enge Raum und die beschränkte Zeit der Uberlassung machten einen Neubau erforderlich. Längere Zeit war man unentschieden, ob man die Oberrealschule oder die Realschule in den neuen Schulbau überführe. Endlich entschloss man sich, es sollte die Oberrealschule in den Neubau und die Realschule in die Räume der bisherigen Oberrealschule in die Hedwigstrasse übersiedeln. Auch über den Platz war man lange im Zweifel, doch entschied man sich endlich für diesen Bauplatz. Direktoren der Anstalt waren von 1891 bis 1895 Herr Direktor Dr. Ackermann, dann und noch jetzt Herr Direktor Dr. Quiehl.
Der Entwurf zu diesem Bau rührt von Herrn Stadtbaurat von Noël, die Ausführung ist von Herrn Stadtbauinspektor Fabarius begonnen und von Herrn Stadtbaurat Höpfner vollendet. Bauführer war Herr Architekt Ebert. Ich spreche allen diesen Herrn hierdurch die besondere Anerkennung der Stadtverwaltung öffentlich aus. Ihr bester Dank ist das Gebäude selbst, das noch kommenden Geschlechtern in seiner steinernen Sprache das Lob seiner Erbauer ver- künden wird.
Indem ich Ihnen, sehr geehrter Herr Direktor, das neue Gebäude nunmehr förmlich über- gebe, bewegen mein Herz die innigsten Hoffnungen und Wünsche für die von Ihnen geleitete Anstalt. Mögen alle guten Geister, die unter Ihrer und Ihres Vorgängers vortrefflichen Leitung über der Anstalt gewaltet haben, auch in das neue schöne Heim mit hinüberziehen. Möge die Ober- realschule stets eine Stätte sein, wo Licht und Erkenntnis verbreitet wird; möge über dem Ganzen und durch das Ganze stets ein freier und idealer Geist echter Wissenschaftlichkeit und echter Sittlichkeit wehen; mögen die Zöglinge der Anstalt hier heranwachsen zu deutschen, vaterländisch gesinnten Männern, zu edlen, zur Mithilfe an allem Guten und Schönen bereiten Menschen! Möge die Königliche Staatsregierung und insbesondere das Provinzial-Schulkollegium, deren Vertreter auch heute wieder durch ihr Erscheinen ihr Herz für die Schule beweisen, der Anstalt auch fernerhin ihr Wohlwollen bewahren. Möge aber auch die Anstalt selbst, Lehrer wie Schüler, niemals ver- gessen, dass die Schule eine städtische Anstalt ist, dass lediglich die Stadt sie unterhält und dass, was immer Schönes und Gutes hier erreicht wird, von der Verwaltung und der Bevölkerung der Stadt mit dem frohen und stolzen Gefühle begleitet wird, dass es unsere schöne und blühende Austalt ist, Cassels Freude und Stolz!


