Der Zeichensaal.
Zeichenlehrer Heinrich Müller.
Die neuere Schulwissenschaft fängt an unter Würdigung der pädagogischen Wahr- heit:„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ dem Zeichenunterricht mehr und mehr den Platz anzuweisen, der ihm nach seiner Bedeutung für die harmonische Aus- bildung der Zöglinge und seiner praktischen Verwendbarkeit längst gebührt hätte.
Um aber das in einzelnen höheren Lehranstalten für diesen Gegenstand gesteckte hohe Ziel zu erreichen, müssen alle diejenigen Hemm- und Hindernisse beseitigt werden, welche eine gedeihliche Arbeit zu beeinträchtigen imstande sind. Hierher gehört in erster Linie eine mangelhafte Beleuchtung in einem unzweckmässig angelegten Zeichensaale. Nichts ist gerade für den Unterricht im Körperzeichnen, das eine Wiedergabe von Licht und Schatten, Form und Farbe des zu zeichnenden Körpers verlangt, wichtiger, als eine gleichmässige, kräftige Beleuchtung, weshalb der Zeichensaal seinen Platz an der Nordseite der Anstalt erhalten soll, da sonst das direkte Sonnenlicht durch den fortwährenden Wechsel in der Beleuchtung störend auf den Unterricht einwirkt. Freilich wird auch dann noch manches inbezug auf zweck- mässige Beleuchtung zu wünschen übrig bleiben; denn bei der Grösse, die unsere Zeichensäle unbedingt haben müssen, dürfte es kaum moöglich sein, durch eine einzige Lichtöffnung, wie dies bei einem Künstleratelier der Fall ist, genügend Licht einzuführen; wir werden immer mit 3— 4 Fenstern und den entsprechenden Zwischenräumen rechnen müssen. Soviel Lichtöffnungen vorhandeun sind, soviel Schlagschatten wirft das Modell, und eine gleichmässige Verteilung von Licht und Schatten lässt sich nur durch besondere Vorrichtungen— sogenannte Ver-— blender— erzielen.
Eine andere nicht minder wichtige Frage bezieht sich auf die Ausstattung des Zeichen- saales. Was zunächst die Tische und Bänke anbelangt, so ist in erster Linie zu berück- sichtigen, dass sie von Schülern sehr verschiedenen Lebensalters benutzt werden und werden sollen. Es ist deshalb bei Beschaffung derselben sowohl die Gesundheit der Schüler als auch die durchaus verschiedene Art des Unterrichts auf den verschiedenen Stufen in Betracht zu ziehen.
Durchaus notwendig ist überdies ein genügend grosser Nebenraum, der mit dem Zeichensaal in unmittelbarer Verbindung steht, zur Aufbewahrung des gewöhnlich sehr um- fangreichen Zeichenmaterials. Bei vielen älteren Zeichensälen fehlt dieser Raum entweder gänzlich, oder er liegt von demselben so weit entfernt, dass der ganze Unterrichtsbetrieb da- durch erschwert und viel Zeit unnütz vergeudet wird. Endlich darf es nicht an den nôtigen Vorrichtungen zur Aufbewahrung der den Schülern gehörigen Zeichenbretter und sonstigen Utensilien fehlen, da den Schülern unmõöglich zugemutet werden kann, diese wöchentlich mehrmals mit zur Schule zu bringen. Man sorge also dafür, dass dieselben klassenweise unter Verschluss gestellt werden, damit die Beschädigung angefangener Arbeiten sowie sonstige unliebsame Eingriffe unmôglich gemacht werden; zugleich möge aber der Aufbewahrungsort der Bretter ein derartiger sein, dass das Abholen und Wegstellen mõöglichst wenig Zeit in Anspruch nimmt.
In wieweit nun obige und manche andere Grundsätze bei Anlage unseres Zeichen- saales massgebend waren, môoge eine Beschreibung desselben darthun. Im voraus môge noch bemerkt werden, dass von einem terrassenförmigen Ansteigen der Tische, sowohl aus for-


