Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1874
Entstehung
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Der gewaltige Kriegsheld auf dem franzöſiſchen Kaiſerthron ſtrich das deutſche Reich von der Karte und den deut⸗ ſchen Kaiſer aus der Herrſcherreihe CEuropas. Fortan ſellte, es nur noch ein Oeſterreich, ein Preußen und einen unter franzöſiſcher Oberhoheit ſtehenden Rheinbund geben. Kaum aber begann die Macht des Gewaltigen zu wan⸗ ken, da erwachte auch wieder der nationale Gedanke aus ſeinem langen Schlummer. Patriotiſche Staatsmänner, wie ein Stein, ein Hardenberg, hinreißende Redner, wie ein Fichte, ein Schleiermacher, begeiſterte Sünger, wie ein Ernſt Moritz Arndt, ein Theodor Körner, trugen ihn durch alle deutſchen Gauen, und nach der glorreichen Erhebung unſres Volkes in den Freiheitskriegen glaubte jeder Vaterlandsfreuud, daß die Zeit gekommen ſei, wo Deutſchland eine ſeinen Bedürfniſſen und den Zeitverhältniſſen entſprechende politiſche Organiſation erlangen werde. Aber der Wiener Congreß, auf dem bald eine Deutſchland feindliche Strömung in der Diplomatie das Uebergewicht gewann, chuf nur die Form eines loſen Staatenbundes und eine Repräſentation desſelben, der jede Fähigkeit zu einer ein⸗ greifenden Wirkſamkeit von vornherein abging und die darum denn auch faſt nur durch ihre ſtaatspolizeilichen Maßregeln von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen von ſich gab. Von da an zog ſich der nationale Gedanke wieder in die Verborgenheit zurück; aber er lebte fort in derſelben und erwuchs allmählich zu einer Stärke, daß ihn kein Wi⸗ derſtand mehr aus dem Bewußtſein des Volkes zu verbannen vermochte. 1

Dem Jahre 1848 ſchien die Geſchichte den Ruhm vorbehalten zu haben, dem politiſchen Bedürfniſſe unſeres Volkes endlich Befriedigung zu bringen. Schon war auch eine Form gefunden, unter welcher dieſes nach dem Urtheil der hervorragendſten Vaterlandsfreunde am beſten geſcheheu könne; aber den vielen, leider nur allzu⸗ vielen Worten folgte keine entſcheidende That. Sei es in Folge der Maßloſigkeit urd Ueberſtürzung auf der einen, oder in Folge des unbeſiegbaren Widerſtandes auf der andern Seite, oder ſei es, weil die Zeit überhaupt noch nicht reif war, genug, das ſo hoffnungs⸗ und verheißungsvoll begonnene erſte Parlament verlief reſultatlos, und noch ein⸗ mal mußte ſich das heiße Verlangen aller Vaterlandsfreunde in die engen Kreiſe von Vereinen, in die Literatur und in die Debatten einzelner Ständekammern zurückziehen. Aber es wurde dadurch wach erhalten in den Herzen des Volkes und erwartete nur die rechte Stunde und die rechten Männer, die ihm zur Erfüllung verhelfen könnten.

Und Gott ſei Dank, dieſe Männer kamen, ſie kamen an einer Stelle, wo man es am wenigſten ver⸗ muthet hatte, an derſelben Stelle, wo im Frühjahre 1849 die Einladung des Frankfurter Parlamentes, ſich an die Spitze von Deutſchland zu ſtellen, mit einem kalten Nein abgewieſen worden war. In König Wilhelm I. beſtieg nämlich 1861 ein umſichtiger, willensſtarker, thatkräftiger Herrſcher den Thron von Preußen, an dem die Zeit und die Erfahrungen von 1248 an nicht ſpur⸗ und wirkungslos vorübergegangen waren und der, zunächſt freilich im In⸗ tereſſe Preußens, von dem ſich aber das Intereſſe des übrigen Deutſchlands nicht mehr trennen ließ, richtig er⸗ kannte, daß Etwas geſchehen müſſe, um die nicht mehr todt zu ſchweigende deutſche Frage in einer tiefe revolutio⸗ näre Erſchütterungen ausſchließenden Weiſe zu löſen. Und was dem einſichtigen, charakterfeſten König vielleicht nur in dunkeln Umriſſen vorſchwebte, das wußte ſein genialer, diplomatiſch gewiegter und muthiger Miniſter, der im Herzen weit patriotiſcher geſinnt war, als ſeine Reden vermuthen ließen, klar und faßlich zu formuliren; und ſo hören wir denn plötzlich zur Ueberraſchung aller Zeitgenoſſen von Berlin aus einen Ton anſchlagen, der freilich An⸗ fangs mit ſchweigendem Staunen, ja mit ängſtlichem Argwohn vernommen wurde, allmählich aber in den Herzen aller Vaterlandsfreunde einen beifälligen Widerhall fand und neue Hoffnungen erweckte.

Und was der energiſche Fürſt mit ſeinem klugen Miniſter in mancher ernſten Stunde berathen und be⸗ ſchloſſen hatte, das gelangte unter der glückverheißenden Gunſt der allgemeinen Zeitlage in überraſchender Schnelle zur Ausführung: Znerſt wird der kleine, aber kecke Feind im Norden, der der deutſchen Ehre und des deutſchen Na⸗ mens ſo lange geſpottet, niedergeſchmettert. Dann wird ganz im Anſchluß an das vom Frankfurter Parlament auf⸗ geſtellte Znkunftsprogramm der deutſchen Politik der ſchon länſt unhaltbar gewordene Bund mit Oeſterreich in einem kurzen, ebenſo klug geplanten, als kühn durchgeführten Kriege gelöſt und nun die Organiſation Deutſchlands in die Hand genommen. Noch aber nöthigten hierbei die gegebenen Verhältniſſe, zumal die Rückſicht auf Frankreich und ſeinen argwöhniſchen und neidiſchen Herrſcher, zur Vorſicht. Darum wurden nur die norddeutſchen Staaten, nach dem zuvor die entſchieden widerſtrebenden Elemente aus ihnen ausgeſtoßen worden waren, in einen engen Bund mit Preußen zuſammengefaßt, die ſüddeutſchen Staaten aber von der berüchtigten Mainlinie an ſich ſelbſt überlaſſen. Daß dieſe Gliederung auf die Dauer unhaltbär ſei, fühlte Jedermann; es fragte ſich nur, wie lang die Ungunſt der Verhältniſſe den beklagenswerthen Fortbeſtand derſelben nöthig machen werde.

Da kam das Jahr 1870, und mit dem RufeKrieg, der von Frankreich herüberſchallte, war auch die Mainlinie in ihrer Bedeutung gefallen.Wir wollen ſein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Noth uns trennen und Gefahr! Das war der begeiſterte Gegenruf, der dem drohenden Feinde aus dem Süden, wie aus dem Nor⸗ den Deutſchlands entgegenhallte; undAlldeutſchland in Frankreich hinein, das war die Loſung, mit der die todes⸗ muthigen Schaaren von allen Seiten her als die feſte und treue Wacht am Rhein herbeieilten. Und was die Be⸗ geiſterung des erſten kriegeriſchen Aufſchwungs angebahnt, das wurde auf den leichenbedeckten Schlachtfeldern Frankretchs beſiegelt; das auf denſelben in treuer Waffenbrüderſchaft geopferte Blut wurde zum Kitt, der die in loſer Vereinzelung neben einander wohnenden Stämme zu einem ſtarken und unauflöslichen Bunde vereinte. 1

So konnte es denn kaum überraſchen, als noch mitten in dem kriegeriſchen Gewühle des Winters 1870 auf 1871 von Verſailles her die Freudenbotſchaft ertönte, daß der König Wilhelm auf Antrag ſämmtlicher deutſchen Fürſten und unter freier Zuſtimmung aller deutſchen Volksvertretungen die Würde des deutſchen Kaiſers angenom⸗ men und damit die Wiederaufrichtung des deutſchen Reiches zugeſagt habe.