Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1874
Entstehung
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einerl angen, traurigen Reactionszeit mit Gewalt zurückgedrängt worden war, hatte in den letzten beiden Jahrzehnten eine ſo unwiderſtehliche Macht gewonnen, daß keine deutſche Regierung, auch wenn ſie es gewollt hätte, bei dem be⸗ vorſtehenden Kampfe unthätig zu bleiben oder wohl gar, wie es vielleicht der franzöſiſche Imperator gehofft hatte, gleich den einſtigen Satelliten feines Oheims, auf die Seite zu treten wagen durfte. Und ſo ſehen wir denn das erhebende Schauſpiel, daß ganz Deutſchland von der Saar bis zum Memel, von den Alpen bis zum Meere ſich in brüderlicher Einmüthigkeit erhebt, um der kecken Herausforderung des Erbfeindes mit männlicher Entſchloſſenheit und kühner Todesverachtung entgegen zu treten.

So erhebend aber der nunmehr entbrennende Kampf in ſeinem Beginn war, ebenſo wunderbar war er in ſeinem Verlauf und glänzend in ſeinem Erfolg. Kaum vier Wochen bedurfte es, da war die eine Hälfte der franzöſiſchen Heeresmacht durch die Umſchließung von Metz unſchädlich gemacht, die andere Hälfte bis an die bel⸗ giſche Grenze zurückgeworfen, wo ſie in den Tagen vom 3 Auguſt bis zum 1. September von der Kataſtrophe bei Sedan ereilt und in Folge derſelben ſammt ihrem Herrn und Kaiſer in die Gefangenſchaft nich Deutſchland abgeführt wurde. Mit dieſem Ereigniß aber war der Krieg eigentlich entſchieden; er konnte durch unerhörte An⸗ ſtrengungen von Seiten des franzöſiſchen Volkes noch eine Zeitlang fortgeſetzt, aber in ſeinem vorauszuſechenden Verlauf nicht aufgehalten werden. Und darum halten wir uns denn, indem wir auf denglücklichen Verlauf und den ruhmvollen Ausgang des gewaltigen Kampfes gegen Frankreich mit patriotiſchem Stolze und mit innigſtem Danke gegen die Führer unſerer Armee ſowohl, wie gegen alle Glieder derſelben hinblicken, völlig berechtigt, all' die er⸗ hebenden Erinnerungen aus den Jahren 1870 und 71 an den heutigen Tag anzuſchließen und in demſelben einen nationalen Feſttag zu erkennen, von deſſen Feier ſich kein Deutſcher ausſchließen ſollte.

Das erſte Gefühl aber, das dieſer Tag immer auf's Neue in uns weckt, iſt die Freude, daß wir Deutſche es diesmal allein geweſen ſind, die der Anmaßung des franzöſiſchen Volkes mit Erfolg entgegen getreten ſind. Nicht ein einziger fremder Krieger hat unſere Reihen verſtärkt, nicht ein einziges Volk von Europa hat anders, denn als aufmerkſamer und hochgeſpannter Beobachter an dem blutigen Völkerduell Theil genommen. Wie wir den Kampf mit Frankreich muthigen Herzens allein angenommen haben, ſo haben wir ihn auch allein glücklich durchge⸗ führt und uns ſomit unſerm alten Gegner nicht nur ebenbürtig, ſondern ſogar überlegen bewieſen. Und darin liegt wohl die beſte Bürgſchaft, daß wir auf lange Zeit hin von einem wiederholten Krieg mit dem Nachbarvolk verſchont zu bleiben hoffen dürfen. Denn das wollen wir doch nicht leugnen, der Krieg iſt ſtets ein trauriger Ausnahmezu⸗ ſtand, deſſen Fernebleibung wir aufrichtig wünſchen müſſen. Mag er noch ſo glücklich geführt werden, er hat immer unſägliches Elend in ſeinem Gefolge, für den Beſiegten nicht nur, ſondern auch für den Sieger; er entfeſſelt die Leiden⸗ ſchaften, offenbart die Schattenſeiten der menſchlichen Natur, verwildert die Sitten, zerrüttet den Wohlſtand, zer⸗ ſtört das Familienglück. Das normale Verhältniß, in welchem die Völker, zumal die Völker wit hoch entwickelter Cultur, zu einander ſtehen ſollten, ſollte ein auf gegenſeitiger Achtung und aufrichtiger Anerkennung der beiderſeitigen Vorzüge beruhender Friedensſtand ſein, und ſoll denn doch ein Kampf unter ihnen ſein, ſo möge es ein ehrlicher und neidloſer Wetteifer in den Künſten des Friedens, nicht aber in den furchtbaren Leiſtungen des männermor⸗ denden Krieges ſein. Wir Deutſche unſrerſeits, die wir ein eminent friedliebendes Volk ſind und nach keinen Eroberungen fremden Gebietes Verlangen tragen, wir ſind gerne bereit, den Nachbarn im Weſten die Hand zum friedlichen Nebeneinanderleben und Miteinandenſtreben zu reichen. Möchte es denn ein gütiges Geſchick fuͤgen, daß auch in Frankreich die heute noch gährenden Rachegedanken bald einer beſſeren Erkenntniß der wahren Aufgabe des Völkerlebens Platz machen und dann beide Nationen, wie ſie ja urſprünglich eines Stammes ſind, fortan nicht als feindliche, ſondern als friedliche Brüder neben einander wohnen.

Aber nicht nur die Erinnerung an die glückliche und ruhmreiche Durchführung des gewaltigen Kampfes mit Frankreich iſt es, die heute unſer Herz zur Freude ſtimmt, ebenſo und vielleicht noch mehr thut dies der Hin⸗ blick auf die geſegneten Folgen, die dieſer Kampf für die innere Geſtaltung unſeres nationalen Lebens gehabt hat.

Deutſchland war einſtens die erſte Macht in Europa. Alle umwohnenden Völker, Franzoſen, Italiener, Dänen, Polen, Böhmen, Ungarn, anerkannten ihre Abhängigkeit von ihm, und ſelbſt in den Zeiten, da der Streit zwiſchen Hohenſtaufen und Welfen ein Jahrhundert lang die deutſche Nation in zwei große Heerlager ſpaltete, wagte es kein auswärtiger Feind, den deutſchen Boden zu bedrohen oder anzugreifen. Der deutſche Kaiſer galt unbeſtrit⸗ ten, wie als Schirmherr der Chriſtenheit, ſo als das Haupt unter allen Regenten Europa's, und ſo ſchwach auch oft ſein Anſehn und ſein Einfluß in Deutſchland ſelbſt war, nach außen war er doch immer der gefürchtete Reprä⸗ ſentant der deutſchen Nation und damit einer Machtfülle, mit der ſich kein anderer Staat der damaligen Zeit meſſen konnte. Das änderte ſich im 17. Jahrhundert in Folge jenes unglückſeligen Krieges, der, zunächſt zwar auf religiös⸗ kirchlichem Gebiete entbrannt, bald aber von deutſchen und fremdländiſchen Machthabern als willkommene Gelegen⸗ heit zur Durchführung längſt gehegter ſelbſtſüchtiger Pläne begierig ergriffen, 30 Jahre lang unſer armes Vaterland durchtobt hat. Am Ende desſelben lag der deutſche Reichskörper gebrochen und zerſtückelt zu Boden, die alte Reichsverfaſſnng mit dem Kaiſer an der Spitze war nur noch eine weſenloſe Form, und was das Schlimmſte war, der Nation ſelbſt war das Bewußtſein ihrer Zuſammengehörigkeit faſt abhanden gekommen. Es war vorauszuſehen, daß es nur eines kräftigen Anſtoßes von Außen bedurfte, um auch dieſe noch anderthalb Jahrhunderte ihr ſieches Daſein hinſchleppende Form zu zertrümmern. Und der Anſtoß kam, kam von derſelben Seite her, auf der man ſchon längſt die deutſche Zwietracht unv Schwäche zur planmäßig verfolgten Selbſtvergrößerung ausgebeutet hatte.