Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1874
Entstehung
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ſeine ebenſo ſchlau berechneten, als rückſichtslos durchgeführten Plane richteten. Wie es ihm dann unter der Gunſt eines unerhörten Kriegsglückes und unter kluger Benutzung der Umſtände gelang, zuerſt die alte Vormacht Deutſch⸗ lands in wiederholten Feldzügen niederzuwerfen, dann auch den zweiten deutſchen Großſtaat, der allzu lange auf den Lorbeeren Friedrichs II. geruht hatte, von der Höhe ſeiner Macht und ſeines kriegeriſchen Ruhmes herabzu⸗ ſtürzen, die übrigen deutſchen Staaten aber an ſeinen Siegeswagen zu feſſeln und ihnen unter ſeinem Protectorate ein bloſes Scheindaſein zu geſtatten; wie er dann in Deutſchland mit unerhörter Anmaßung und abgefeimter Per⸗ fidie ſchaltete und waltete, Fürſten abſetzte und Fürſten einſetzte, unſre Lebensadern unterband, indem er uns von den Mündungen unſrer Ströme und damit von dem Meere und dem Verkehr mit dem Ausland abſchnitt; wie er durch ein niederträchtiges Spionierſyſtem mit ſeinem Späherauge bis in das Bereich des Privatlebens und das Heiligthum der Familie eindrang und bald durch abſchreckende Gewaltthaten, bald durch verlockende Gunſtbezeugun⸗ gen das Leben unſres Volkes bis in ſeine innerſten Adern hinein vergiftete: das Alles iſt nur zu bekannt. Und hätte nur der gewaltige Cäſar, als er auf der Höhe ſeines Glückes und ſeiner Macht ſtand, ſich ſelbſt zu zügeln gewußt und ſeiner immer weiter vorſchreitenden Anmaßung zur rechten Zeit Einhalt zu bieten verſtanden, wer weiß, was aus unſerm armen Vaterlande geworden wäre und ob nicht das Schickſal des benachbarten, ihm in ſo mancher Beziehung vergleichbaren Polens ſeiner gewartet hätte. Aber vor dieſem traurigſten aller Verhängniſſe hat es die Maßloſigkeit und der Uebermuth Napoleons bewahrt. In den Steppen Rußlands erbleichte ſein Glücks⸗ ſtern, und die Flammen von Moskau wurden das weithin leuchtende Feuerzeichen, welches die geknechteten Völker zur Freiheit rief. Als aber der gewaltige und ſo lange für unbezwinglich gehaltene Löwe endlich nach langem, blutigem Ringen gefeſſelt war und auf der fernen Inſel im Weltmeer Zeit hatte, über den Wechſel der menſch⸗ lichen Schickſale nachzudenken und in ſeiner eigenen Geſchichte die Beſtätigung der alten Wahrheit zu erkennen, daß der Menſch nicht ungeſtraft die Gottheit verſucht, da konnte ſich ſein niedergeworfenes Volk doch rühmen, daß es der Anſtrengung von ganz Europa bedurft habe, um es in die Grenzen der Beſcheidenheit zurückzuweiſen, und ſich der Ueberzeugung hingeben, daß, wenn es auch vorzugsweiſe deutſches Blut geweſen, das auf allen Schlachtfeldern der Jahre 18131815 gefloſſen war, dennoch Deutſchland allein ihm nimmermehr die Siegespalme zu entreißen vermocht hätte.

Und dieſes Bewußtſein, das von da an jeden einzelnen Franzoſen erfüllte, ſprach ſich ſehr bald in dem bereits auf dem Wiener Congreß beginnenden kecken Auftreten Frankreichs Deutſchland gegenüber aus und erhielt, noch ehe ein Menſchenalter verfloſſen, in dem im Jahr 1840 durch jenen franzöſiſchen Miniſter, der neuer⸗ dings noch einmal eine ſo ſehr hervorragende Stellung in ſeinem Vaterlande eingenommen, laut erhobenen Ruf nach der Rheingrenze einen deutlichen Ausdruck. Auch damals bedurfte es einer Kriegsdrohung aller Großmächte, um den klugen Louis Philipp zu vermögen, durch Entlaſſung ſeines redſeligen und kriegsluſtigen Miniſters Europa ein Pfand ſeiner friedliebenden Geſinnung zu geben.

Von da an aber ſpuckte die Phraſe von der Rheingrenze in den franzöſiſchen Köpfen fort, und man begegnete ihr in tauſenderlei Geſtalt, bald in der mythiſch ausgeſchmückten Legende von dem im Sarge in die hei⸗ miſche Erde zurückgekehrten Kaiſer, bald in den Erzeugniſſen einer durch die leichte Entzündbarkeit des franzöſiſchen Nationalcharacters berechneten Poeſie, bald in bändereichen, tendenziös gefärbten Geſchichtswerken, bald ſogar in den für die Hände der lernenden Jugend berechneten Schulbüchern.

Und als nun durch eine wunderbare Verkettung der Umſtände zum zweitenmal ein Napoleon die Zü⸗ gel der franzöſiſchen Regierung ergriff, da erkannte man bald, daß derſelbe nicht nur den Titel ſeines geſtürzten Oheims, ſondern auch deſſen Tendenzen als heimgefallene Erbſchaft angetreten hatte. Zwar eine Suprematie für Frankreich zu gewinnen, wie ſie demſelben ſein Oheim eine Zeit lang geſichert hatte, das konnte bei der eingetre⸗ tenen Veränderung aller Verhältniſſe ſeine Abſicht nicht ſein. Aber Frankreichs Grenze auf Koſten Deutſchlands bis zum Rhein zu erweitern, dadurch der Eitelkeit der Franzoſen zu ſchmeicheln und ds dieſer Baſis ſeiner Dynaſtie dauernden Beſtand zu ſichern, das leuchtet doch durch alle ſeine Schritte als weſentliches Ziel ſeiner Politik hin⸗ durch. Aber er verfolgte, klug geworden durch das tragiſche Geſchick ſeines Oheims und ſeine eignen Lebenserfah⸗ rungen, ſein Ziel mit Beſonnenheit und Mäßigung. Worauf er zunächſt ſein Abſehen richtete, das war, Deutſch⸗ land zu iſoliren und die Wiederkehr einer europäiſchen Coalition gegen Frankreich zu verhindern. Darum brach er zunächſt im Bunde mit England die gefürchtete ruſſiſche Uebermacht; dann machte er als Verbündeter Italiens Deſterreic unſchädlich, gewann es aber gleichzeitig wieder durch vorſichtige und maßvolle Benutzung ſeines Sieges; endlich agitirte er im Geheimen, daß die längſt vorhandene Spannung zwiſchen Oeſterreich und Preußen zum blutigen Austrag kam; und als er nunmehr Preußen und das übrige Deutſchland, dem er nicht einmal große Sympathieen gegen jenes zutraute, von fremdem Beiſtand abgeſchnitten und auf ſich ſelbſt geſtellt hatte, da warf er die lange zur Schau getragene Maske ab und verlangte zunächſt in geheimen Verhandlungen mit Preußen Abtretung deutſchen Landes am Rhein, und als er hierbei auf kaum geahnten Widerſpruch ſtieß, da mußte ein nichtiger Vor⸗ wand dazu herhalten, um mit Gewalt durchzuſetzen, was mit Liſt nicht zu erreichen geweſen war.

Und ſo erſcholl denn plötzlich im Juli 1870 mitten im tiefſten Frieden in Paris das Wort Krieg, Krieg allerdings zunächſt gegen Preußen. Aber, Dank ſei der göttlichen Vorſehung, Preußen Pand nicht mehr außer Deutſch⸗ land, ſondern in Deutſchland; das nationale Bewußtſein, das ſchon einmal in den Freiheitskriegen und in den erſten Jahren nach denſelben in ſo verheißungsvoller Weiſe in den Herzen des deutſchen Volkes aufgeflammt, dann aber während