Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1874
Entstehung
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II. Als Beigabe:

Rede des Directors bei der Sedanfeier, am 2. September 1874.

E⸗ iſt heute der zweite September. Dieſer Tag iſt aber für jeden Deutſchen, der ſein Vaterland liebt und den Geſchicken deſſelben mit Intereſſe und Verſtändniß folgt, ein Tag hehrer Erinnerungen und verdient als ein ſolcher jedes Jahr in dem Gedächtniß unſeres Volkes erneuert zu werden. Denn an dieſem Tag gedenken wir ja jenes gewaltigen dreitägigen Kampfes an den Ufern der Maas im Angeſichte der Feſtung Sedan, in welchem vor vier Jahren der Muth und die Tapferkeit unſeres deutſchen Heeres die in einem vierwöchentlichen Siegeslauf wie mit Sturmesgewalt von der Grenze bis in's Innere von Frankreich zurückgeworfene franzöſiſche Armee auf's Haupt ſchlug und zu einer Kapitulation zwang, wie ſie in der Weltgeſchichte noch nicht dageweſen iſt. Wie ſich aber an dieſe gewaltige Waffenthat unſeres Heeres die ganze Entſcheidung des Krieges mit Frankreich anſchloß, wie das letz⸗ tere, von dem Wahne ſeiner Unbeſiegbarkeit herabgeſtürzt, endlich ſich ſelbſt und ſeine Hauptſtadt der Gnade des

Siegers übergeben und ſich zu einem ebenſo demüthigenden, als verluſtvollen Frieden verſtehen mußte, das Alles lebt in unſerer Erinnerung und bedarf keiner auoführlichen Darlegung.

Je ſchmerzlicher und niederſchlagender aber die Erinnerungen des heutigen Tages für Frankreich ſind, deſto erfreulicher und erhebender ſind ſie für uns, und wir haben deshalb alle Urſache, den heutigen Tag als einen Freuden⸗ und Ehrentag feſtlich zu begehen. Freilich ungetrübt iſt dieſe Freude nicht, und wie nach der alten Mythe die Götter allezeit dem Menſchen in den Freudenbecher einige Tropfen Wehrmuth miſchen, auf daß er ſich nicht über⸗ hebe, ſo iſt auch der ſtolzen Erinnerung an die Helden⸗ und Siegesthaten unſres Heeres das wehmüthige Andenken an unſre bei Sedan nicht nur, ſondern überhaupt in dem ganzen opferreichen Kriege gefallenen Brüder untrennbar beigeſellt, und es ziemt ſich wohl, daß wir in die friſchen Ruhmeskränze, die wir in Gedanken heute den heimge⸗ kehrten Siegern darreichen, einige Cypreſſenzweige einflechten, um ſie und uns zu mahnen, auch Derer nicht zu vergeſſen, die durch Aufopferung ihres jungen Lebens den Sieg an unſre Fahnen gefeſſelt haben. Aber trotz dem, daß wir dieſer Pflicht der Pietät nicht uneingedenk ſind und bei manchem von uns heute unwillkührlich ein Seufzer aus der Bruſt und eine Thräne aus dem Auge hervorbricht, iſt und bleibt es doch eine unbeſtreitbare Wahrheit, daß der heutige Tag vorzugsweiſe erhebende und freudige Gefühle in uns wach ruft und daß es darum vollkommen gerechtfertigt iſt, wenn wir denſelben im ganzen deutſchen Vaterlande als einen Freuden⸗ und Jubeltag begangen ſehen.

Wie berechtigt aber dieſe Feier iſt und wie ſehr wir Urſache haben, uns bei derſelben freudigen Ge⸗ fühlen hinzugeben, das laſſet mich Euch, meine lieben Schüler, in dieſer Stunde noch etwas näher darlegen.

Wir freuen uns zunächſt, daß der Uebermuth und die Anmaßung Frankreichs gegenüber unſerm Va⸗ terlande gründlich und hoffentlich für immer durch unſer tapferes Heer, und zwar ohne irgend eine Hülfe von an⸗ derer Seite her, zurückgewieſen worden iſt.

. Es iſt Euch nicht unbekannt, welche Demüthigungen Deutſ von dem Nachbarreiche im Weſten erfahren hat. Schon am Ende d Frankreich in unſre bejammernswerthen inneren Händel ein und tru ſchöne deutſche Landſchaft auf der linken Seite des Oberrheins als willkommene Siegesbeute davon.

Als dann in dem glanz⸗ und machtliebenden Ludwig XIV. der Gedanke erwachte, den phantaſtiſchen Traum ſeines Ahnherrn von einer Hegemonie Frankreichs in dem europäiſchen Staatenſyſtem zu einer Wahrheit zu machen, da war es neben andern Grenzländern vorzugsweiſe Deutſchländ, auf welches ſein begehrliches Auge ſich hinrichtete, und wir wiſſen, welch unſägliche Drangſale namentlich das blühende Land, zu dem damals unſre Stadt gehörte, und dieſe ſelbſt von ſeinen barbariſchen Horden hat erleiden müſſen. Nur den vereinten Anſtrengungen faſt ganz Europa's iſt ſeine unerſättliche Ehr⸗ und Ländergier zuletzt unterlegen; aber was er Deutſchland entriſſen, die letzten Reſte des Elſaſſes und die altehrwürdige Reichsſtadt Straßburg, verblieb ihm, gleichſam als lockende Er⸗

innerung daran, was man dem ſchwachen Nachbar bieten dürfe.

Was Ludwig XIV. nicht vermocht, das vollbrachte in überraſchender Weiſe der erſte Napoleon. Nach⸗ dem es ihm gelungen, die revolutionären Leidenſchaften, welche Frankreich ſeit 10 Jahren durchwühlt hatten, mit eiſerner Fauſt zu bändigen, die lang entbehrte Ruhe und Ordnung in dem unglücklichen Lande wieder herzuſtellen, und freilich auf den Trümmern aller Volksfreiheiten ein Cäſarenthum zu gründen, wie es ſelten kraft⸗ und machtvoller exiſtirt hat, da richtete er, ebenſowohl um ſeine ungezügelte Ehr⸗ und Herrſchbegierde zu befriedigen, als auch um der noch immer in den Gemüthern ſeines Volks gährenden Aufregung einen Ausweg zu öffnen, ſein Augenmerk auf die Nachbarſtaaten, und hier war es denn wiederum zunächſt unſer armes, ohnmächtiges, in ſich zerfallenes, aller Möglichkeit eines entſchiedenen und kraftvollen Auftretens beraubtes Vaterland, gegen welches ſich

chland im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte es unglücklichen 30jährigen Krieges miſcchte ſich g, ohne namhafte Opfer gebracht zu haben, die