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Die verſchiedenen äſthetiſchen Anſichten entſprechen verſchiedenen Richtungen unſerer Natur. In der Litteratur wie in der Philo⸗ ſophie iſt weder der Realismus für ſich genommen wahr, noch der Idealismus, inſofern ein jeder von beiden als der Ausdruck einer der Seiten des menſchlichen Lebens, die bei vielen Weſen eine mehr oder weniger herrſchende und faſt ausſchließliche Stärke annehmen kann, berechtigt iſt, mehr oder weniger ausſchließlich beſtimmte Kunſtwerke zu beſeelen. Die Typen, die die idealiſtiſchen oder rea⸗ liſtiſchen Schriftſteller darſtellen, ſind alle ſchön in dem Verhältnis als ſie leben, denn das Leben iſt das einzige Prinzip der Schönheit. In dieſer Hinſicht kann ſelbſt das niedrige, tieriſche oder vegetative Leben ſchön ſein, wenn auch in geringerem Grade wie das geiſtige oder moraliſche. Von Bedeutung aber iſt, daß es das Leben iſt. Die Darſtellung eines Ungeheuers iſt demnach künſtleriſch berechtigter, als eine tote Idealfigur, eine Zuſammenſtellung abſtrakter Linien, wie die eines Dreiecks oder Sechsecks. Wird der Materialismus zu ausſchließlich in der Kunſt, ſo kann er ein Zeichen der Ohnmacht ſein, aber ein allzu unbeſtimmter und zu konventioneller Idealismus iſt ſchimmer als Ohnmacht.„C'est un arrét à moitié chemin, c'est une erreur de direction, un contresens, une véritable trahison à la beauté.“
Jede Kunſt hat das Streben zu reproduzieren, indem ſie vervollkommnet. Die primitive Kunſt ſuchte die Wirklichkeit zu ver⸗ ſchönern und verfälſchte ſie oft; die moderne Kunſt ſucht ſie zu ver⸗ tiefen. Wie das AÄſthetiſche der Natur nicht in einer beſonderen Figur oder Zeichnung liegt, ſondern in der Beziehung aller Zeich⸗ nungen und Figuren der Dinge, ſo war das Schöne niemals das Einfache, ſondern das Vereinfachte Mannigfaltige(le complexe simplifié), d. h. es beſtand in einer klaren Formel, die unter ge⸗ wöhnlichen und tiefen Ausdrücken Ideen oder ſehr mannigfaltige Bilder enthielt.„C'est donc tout à fait par erreur que l'idéalisme des mauvais écrivains classiques a fait consister le beau dans le petit nombre et la pauvreté des idées ou des images, dans la rigi- dité des lignes, dans la symétrie exagérée, dans l'altération de toutes les courbes et sinuosités de la nature.“
Der Künſtler iſt ein Zeuge der Natur; ſeine erſte Verpflichtung iſt daher die Wahrheit. Allein er darf ſich nicht damit begnügen,


