Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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IV. Der Realismus.

Das Prinzip, Idealismus und Realismus zu vereinigen.— Recht⸗

fertigung des Realismus.— Die künſtleriſche Perſpektive iſt der

Menſch als Mikrokosmus.— Quantität und Qualität.— Konſo⸗

nanz und Diſſonanz.— Das Häßliche in der Kunſt.— Bedeutung

des Phyſiſchen und Materiellen.— Das Triviale.— Die äſthe⸗

tiſche Bedeutung der Erinnerung.— Das Pittoreske.— Die Natur⸗ beſeelung und die Kunſt der Beſchreibung.

Wie die Prinzipien der Moral, ſo ſind auch die der Aſthetik den Veränderungen unterworfen, denen die Geſellſchaft unterliegt. Jedem menſchlichen Glauben entſpricht eine beſondere Vorſtellung von dem Leben, dieſer eine beſondere Vorſtellung von der Kunſt. Die Äſthetik iſt daher beherrſcht und geleitet von den moraliſchen, ſozialen und religiöſen Glaubenslehren. Letztere ſind aber vielfältige Formen der Hoffnung auf eine Verbeſſerung des individuellen oder ſozialen Lebens oder auf ein beſſeres Leben in einer anderen Welt. Da dieſe Hoffnungen ſich beſtändig ändern und ſo verſchiedene Formen haben, ſo gibt es auch mehr als eine Religion, Moral, Politik und Äſthetik.

Wie in der Moral ſind auch in der Äſthetik die beiden weſent⸗ lichſten Formen Idealismus und Naturalismus!). Wie in der Moral, ſo kann auch in der Äſthetik ein Prinzip gefunden werden, das dieſe beiden äſthetiſchen Standpunkte vereinigen kann. Wie in der Moral lautet auch in der Äſthetik dieſes Prinzip das inten⸗ ſivſte und zugleich expanſivſte, d. h. das individuellſte und ſozialſte Leben. Die wirkliche Kunſt iſt demnach die, welche das unmittelbare Gefühl des intenſivſten und zugleich expanſivſten, des individuellſten und ſozialſten Lebens gibt.

¹) Muß heißen Realismus. Guyaus Terminologie iſt gerade hier, wie ſchon in der Einleitung bemerkt wurde, ungenau und oft unrichtig.