Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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in dem Kunſtwerk nicht wirklich beſitzt, und unſere Bewunderung ſelbſt dann erregen, wenn die Wiedergabe des Lebens dem Künſtler nicht ganz gelungen iſt. Die ſympathiſchſte Perſönlichkeit iſt die, welche ſich auf der unbeweglichen Baſis des alten menſchlichen Fundaments zu den höchſten Gedanken erhebt, die die Menſchheit nur in den Stunden des Enthuſiasmus und Heroismus erreicht, unter der Vorausſetzung, daß dieſer Aufſchwung keine Verſtandes⸗ thätigkeit iſt, ſondern ein„élan de cœur et du sentiment“. Sin⸗ cerität und Spontaneität ſind die Prinzipien jeder Erregung, ihre Negation die künſtliche Zuſammenſetzung, der reine Mechanismus. Daher müßte ſowohl das Kunſtwerk als auch das Genie und die Weſen, die es beſeelt und ſchafft, den Schein der Spontaneität beſitzen, wodurch die Antipathie ſich in Sympathie verwandeln würde. ¹)

Leben iſt Individualität, inſofern, als man nur mit dem ſympathiſiert, was individuell iſt oder ſcheint. Hieraus ergibt ſich für die Kunſt die Notwendigkeit und Schwierigkeit, ihren Schöpfungen das Zeichen der Individuation zu verleihen. Um unſere Sympathie für die von ihr dargeſtellten Individuen zu erwecken, wendet ſie ſich an die ſoziale Seite unſeres Weſens und muß uns daher dieſe Perſonen auch durch ihre ſozialen Seiten darſtellen:„le héros en litterature est avant tout un être social; soit qu'il défende, soit méême qu'il attaque la société, c'est par ses points de contact avec elle qu'il nous intéresse le plus.“

Die Typen, d. h. die großen Individualitäten im Reich der Kunſt, welche die Dichter und Künſtler erſten Ranges geſchaffen haben, ſind wirklich und trotzdem ſymboliſch. Auf der Ver⸗ einigung dieſer beiden Vorzüge beruht ihre Bedeutung in der Litteratur⸗ geſchichte. Es genügt nicht, ein Individuum zu ſchildern, ſondern wirklich markante Individualitäten, d. h. die Vereinigung aller herrſchenden Züge einer Epoche, eines Landes, einer ganzen Gruppe von Weſen.

¹)„Il faut donc que l'œuvre d'art offre l'apparence de la spontanéité, que le génie semble aussi tout Spontané, enfin que les êtres, qu'il crée et anime de sa vie aient eux-méêmes cette spontanéité, cette sincérité d'expression, dans le mal comme dans le bien, qui fait qui l'antipathique même redevient en partie sympathique en devenant une vérité vivante qui semble nous dire: Je suis ce que je suis, et, telle je suis, tpelle j'apparais“