35
lebenden Wirklichkeit. Es beſitzt unter den Thatſachen des indi⸗ viduellen Seins die größte Realität und iſt mehr als die ſoge⸗ nannte Perſönlichkeit, denn es iſt das Herz, das die Glieder beſeelt.
Die Gefühle und Willensäußerungen erhalten ihren Ausdruck in den Handlungen und in allen Thatſachen des Lebens. In der Aufdeckung dieſer Thatſachen beſteht die Kunſt des Gelehrten, des Geſchichtsſchreibers und ſelbſt des Künſtlers, ſofern ſie ein Geſetz bezeichnen, d. h. Merkzeichen in der verworrenen Maſſe der Er⸗ ſcheinungen ſind. Wiſſenſchaft und Geſchichte beruhen auf einer kleinen Zahl ſolcher Thatſachen, die in der Wiſſenſchaft rein objektive, in der Geſchichte pſychologiſche und menſchliche Geſetze ausdrücken. Die Kunſt beruht auf noch weniger Thatſachen, und ihr Zweck iſt es, in dem kürzeſten Raum⸗ oder Zeitabſchnitt die größte Zahl bezeichnender Thatſachen anzuhäufen, wodurch ſie eine Verdichtung der Wirklichkeit wird.„Il cherche à nous repré- senter plus de vie encore qu'il n'y en a dans la vie vécue par nous.“ Die Kunſt iſt jedoch nicht allein eine Vereinigung be⸗ zeichnender Thatſachen, ſondern vor allem eine Vereinigung ſuggeſtiver Mittel, inſofern ihre Aufgabe iſt, ſympathiſche Er⸗ regungen hervorzurufen und ſomit Gegenſtände des Wohlwollens vorzuſtellen, d. h. lebende Subjekte, mit denen wir in Verbindung treten können. Die Erweckung der Sympathie iſt immer der letzte Zweck der Kunſt, während die Antipathie als etwas Vorübergehendes nur dazu dient, das Intereſſe durch den Kontraſt zu beleben. Abſolute und beſtimmte Antipathie können wir für kein Weſen empfinden und nur in der Hinſicht als es ſympathiſch iſt, kann ein Weſen ſchön ſein:„l'amour apporte la beauté avec lui“.
Eine Perſon wird ſympathiſch dadurch, daß ſie Leben beſitzt und beſeelt iſt von Gefühlen, die wir begreifen können und die in uns ſelbſt mächtig ſind. Demnach kann eine durch ihre Gefühle und Handlungen uns unſympathiſche Perſönlichkeit, die aber ein inten⸗ ſives Leben beſitzt, uns gerade durch die Intenſität des Lebens mitfortreißen, trotz unſerer natürlichen Abneigung. Umgekehrt kann die Sympathie, die wir für eine Perſon empfinden, die durch unſere eignen Gefühle beherrſcht wird oder durch ſolche, die wir ſelbſt gern empfinden möchten, in unſeren Augen ein Leben haben, welches ſie
. 3*


