III. Individuelles und ſoziales Leben in der Kunſt.
Zwecke der Kunſt.— Formalismus.— Bedingungen der Sympathie. — Individualität.— Soziale Vorausſetzungen der Kunſt.— Das Einfache.
Die Kunſt verfolgt zwei verſchiedene Zwecke: die Erzeugung angenehmer Empfindungen(Farbe, Ton u. ſ. w.) und die Erweckung aller ſozialen Gefühle, d. h. der Erſcheinungen pſychologiſcher Induktion, die auf Ideen und Gefühle komplizierterer Natur hin⸗ zielen, wie Sympathie, Intereſſe, Mitleid, Unwillen. Hierdurch erhält die Kunſt die Fähigkeit, das Leben auszudrücken, d. h. ihr wirkliches Objekt.
Im erſten Fall ſteht die Kunſt einer großen Zahl unbeſtreit⸗ barer wiſſenſchaftlicher Geſetze gegenüber. Die Aſthetik berührt ſich mit der Phyſik, der Mathematik, der Phyſiologie, der Pſ ychophyſik. Die Bildhauerkunſt beruht auf Anatomie und Phyſiologie; die Malerei auf Anatomie, Phyſiologie und Optik; die Architektur auf Optik; die Muſik auf Phyſiologie und Akuſtik; die Poeſie auf der Metrik, deren wichtigſte Geſetze ſich an die Akuſtik und Phyſiologie anſchließen.
Wäre nun die Erzeugung angenehmer Empfindungen die einzige Aufgabe der Kunſt, ſo wäre ihr Gebiet verhältnismäßig beſchränkt und ihre Geſetze beſtimmter, die den wiſſenſchaftlichen Regeln entſprechen würden, durch die der angenehme oder unangenehme Charakter der Empfindungen beſtimmt iſt. Durch dieſe Regeln wären Grenzen für die Kunſt gegeben. Dagegen ſucht das Genie dieſe Grenzen unaufhörlich hinauszuſchieben, ſo daß es manchmal den Anſchein hat, als ob es die Regeln verletze. In Wirklichkeit aber verletzt es ſie nicht abſolut, denn wahrhaft unangenehme Empfindungen könnten nicht ertragen werden, aber es dreht ſie um und bemüht ſich unaufhörlich, das Gebiet zu erweitern, welches ſich die Kunſt in der unbegrenzten Natur eröffnet.
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