.16
Geruchſinn bei der Übertragung von Empfindungen und Erregungen eine große Rolle geſpielt. Wie ſich ſeine Bedeutung noch bei den tieriſchen Gemeinſchaften zeigt, ſo hat er auch bei den urſprüng⸗ lichen menſchlichen Gemeinſchaften als weſentlicher Faktor der Üübertragung mitgewirkt. Bei den bewußten pſychiſchen Er⸗ ſcheinungen iſt ſeine Bedeutung heutzutage zwar erloſchen, nicht aber bei den unbewußten(Ceidenſchaften). Bei Nervenleidenden und Hypnotiſierten erhält der Geruchſinn plötzlich eine außer⸗ ordentliche Bedeutung, die zweifellos nur die Vergrößerung von Thatſachen iſt, die bei normalen Menſchen unbemerkt vorübergehen. Wie jedem phyſiologiſchen Zuſtand ein pſychologiſcher entſpricht, ſo könnte wahrſcheinlich jede Erregung, jedes Gefühl und viele Vorſtellungen ihre Üüberſetzung in die Sprache der Gerüche haben ¹).
Die äſthetiſche Erregung iſt die intellektuellſte und immateriellſte der menſchlichen Erregungen. Die Organe, mit deren Hilfe ſie hervorgerufen wird, ſind Augen und Ohren, die mit dem Objekt ſelbſt in keinerlei Berührung kommen. Eine leichte Vibration genügt, um in dieſen Sinnen eine fühlbare Zuſtandsveränderung hervor⸗ zurufen, weshalb ſie auch imſtande ſind, feine geiſtige Unter⸗ ſcheidungen vorzunehmen. Gerade an dieſer Fähigkeit erkennt man die äſthetiſchen Gefühle.
Zwar ſcheinen auf den erſten Blick die Empfindungen des Gehörs und Geſichts dem innerſten Zuſtand der Körper, deren Form oder Töne ſie uns überliefern, fremd zu ſein. Allein beide machen uns ſelbſt in den Schwingungen der Luft und des Lichts die Veränderungen bemerkbar, welche auf die Richtung und Ausdehnung dieſer Schwingungen durch die Körper, welche ſie getroffen haben, hervorgerufen werden. Werden dieſer Körper durch Nervenſchwingungen in Bewegung geſetzt, ſo gelangen dieſe ſozuſagen vermittelſt der Licht⸗ und Schallwellen bis zu uns. „En regardant un visage, ce n'est pas seulement la forme plastique de ce visage que nous percevons, c'est sa grimace ou son sourire, vibrant dans le rayon du soleil qui met en mouvement nos nerfs optiques.“
Genau genommen gibt es nur Empfindungen von Bewegungen,
1) Guyau ſtützt ſich hier auf die Beobachtungen des amerikaniſchen Arztes Hammond und die Unterſuchungen von Ochorowicz's.


