Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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von dem nicht geſungenen in ſo weit nicht, als er nach denſelben allge⸗ meinen Beſtimmungen und gleicher Weiſe ausgedrückt werden muß, welche wir vorhin darſtellten?— Richtig.— Und was ferner Tonart und Tact anlangt, ſo müſſen ſie dem Texte angemeſſen ſein.— Allerdings.— Nun ſtellten wir aber früher doch die Behauptung auf, daß wir bei den ſprachlichen Darſtellungen Klagen⸗ und Jammer⸗Töne gar nicht bräuchten.— Ja freilich nicht.— Welches ſind nun die klagenden Tonarten? Antworte, du biſt ja ein Muſiker!— Die vermiſcht lydiſche und die hochlydiſche und einige dergleichen mehr.— Nicht wahr, dieſe müſſen demnach abgeſchafft werden, denn ſie ſind ja nicht einmal Weibern dienlich, welche ordentlich ſein ſollen, geſchweige Männern.— Ganz recht.— Ferner iſt ja doch auch Trunkſucht für Wächter etwas ſehr Unſchickliches ſowie Verweichligung und Müßig⸗ gang.— Allerdings.— Welche der Tonarten ſind nun verführeriſch zu Trinkge⸗ lagen und zu einem Leben der Verweichligung?— Die joniſche und die lidiſche, welche die lockeren heißen(399).— Wirſt du dieſe nun für Kriegsmänner brauchen können?— Keineswegs; aber da bleiben dir wohl noch die doriſche und die phrygiſche übrig.— Ich bin kein Kenner von Tonarten, aber laß nur erſtlich jene zurück, welche angemeſſen die Ausrufungen und Gefühls⸗Betonungen eines Mannes nachahmend darſtellt, welcher nicht nur in einer Kriegs⸗Affaire ſondern überhaupt in einer die Mannesgewalt in Anſpruch nehmenden Thätigkeit ſich tapfer zeigt, und welcher, wenn er ſein Ziel verfehlt hat oder wenn er in Wunden und Tod oder in ein ſonſtiges Unglück zu gehen hat, in allen dieſen Lagen ſchlagfertig und ſtandhaft mit dem Schickſale in die Schranken tritt; zweitens laß andrer⸗ ſeits eine andre auch für den Mann zurück, welcher ſich in einer friedlichen und nicht in Folge einer zwingenden Nothwendigkeit ſondern aus freiem Willen ſich in einer Lage befindet, in der er entweder irgend jemanden durch gute Worte oder Bitten beſtimmt, durch Gebet einen Gott oder durch Belehrung und Ermahnung einen Menſchen, oder welcher im Gegentheil einem andren auf deſſen Bitte, Be⸗ lehrung und Ueberredung geneigtes Gehör gibt, welcher deshalb ein glückliches Leben führt, aber darum nicht übermüthig wird ſondern beſonnen und ordentlich in allen dieſen Lagen ſich benimmt und mit den jedesmaligen Erfolgen zufrieden iſt. Dieſe zwei Tonarten, die eine für eine gewaltige und die andre für eine freiwillig⸗ friedliche Lage, welche am treueſten die Stimmen von Unglücklichen und Glück⸗ lichen, von friedlich Beſonnenen und tapfern Kämpfern nachahmen werden, dieſe ſag' ich, laß zurück.— Ei ja, nach deinem Wunſche ſollen keine zurückbleiben, als die ich eben vorhin nannte*).— Demnach werden wir ein vielſeitiges und auch alle

*) Nämlich die doriſche und phrygiſche. Dadurch, daß Plato hier ſowohl wie vorhin dieſe beiden griechiſchen Tonarten nur für die relativ beſten hält, zeigt er, daß er wie in ſo manchen Dingen ſo auch in der Muſik über ſeiner Zeit und Nation ſteht.

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