Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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der Geſangweiſen*) übrig?— Ja verſteht ſich— Könnte nun nicht die ganze Welt die Beſtimmungen von ſelbſt auffinden, welche wir über ihre erforderlichen Beſchaffen⸗ heiten geben müßten, wenn wir mit den vorhergehenden Beſtimmungen conſequent bleiben wollen?— Dazu lachte Glauko und ſagte: Da bin ich wohl einer außer „der ganzen Welt““; vollkommen einmal kann ich mir da in dem Augenblicke nicht zuſammenbringen, was für Beſtimmungen wir hierüber angeben müßten, ich ahne ſie jedoch.— Auf jeden Fall biſt du nun doch im Stande, vor allem die Beſtim⸗ mung anzugeben, daß der muſikaliſche Vortrag oder Geſang aus drei Stücken zuſammengeſetzt iſt: aus dem unterlegten ſprachlichen Theile oder Texte ſowie aus der Domart und dann aus dem Tacte**).— Ja, das einmal kann ich.— Nicht wahr, was nun berſtlich davon den Depts betrifft, ſo unterſcheidet er ſich ja

*) In dieſer Stelle iſt Ode wohl der Gegenſatz von Logos oder Erzählung, ſowie G9„ und d das ausdrücken, was wir mit einem Worte Muſik nennen. Ueber die vielen und ver⸗ ſchiedenen Bedeutungen des griech. Wortes Ruſik 3 unſere Anmerkung zur nsberſebng des zweiten Buches dieſes plat. Werkes.

) Ueber die alte Muſik geben wir hier folgenden kurzen Aufſchluß, indem wir wißbegierigere Leſer auf die von den Auslegern citierten Werke verweiſen und auf das neueſte Werk dieſer Art, auf Roßbach⸗ s und Weſtphal's Metrik der Griechen, Leipzig 1867 u. 68, beſonders auf das(Bd. J, S. 255) Kapitel:„Verhältniß der antiken und modernen Muſik.“

Rhythmus, was wir mit Tact überſetzen, bezeichnet das Quantitative der Töne zu ein⸗ ander oder das mathematiſche Verhältniß, in welchem die Töne fortſchreiten, iſt ſomit die eigentliche Seele und das Eigenthümliche der menſchlichen Muſik; denn die Vögel können wohl ſingen, aber keine Muſik machen. Das Charactriſtiſche des Tactes der Griechen war, daß jener des Contrapunctes entbehrte, demnach ein Tact in unisono war.

Die Harmonie, was wir mit Tonart überſetzen, bezeichnet dagegen das qualitative Verhältniß der Töne. Urſprünglich gab es bei den Griechen nur drei Tonarten(modi): die doriſche (die tiefſte), die phrygiſche(mittlere), die lydiſche(höchſte). Die doriſche zeichnete ſich durch die geringere Mannigfaltigkeit der Gliederung aus und drückte mehr die leiden⸗ ſchaftsloſe Tiefe der Gefühle aus, als den Ungeſtüm der Affecte; wegen dieſes moraliſchen Characters war ſie die einzige, welche Pythagoras billigte. Die phrygiſche war heiterer Art und gält als das Organ der leidenſchaftlichen Gemüthsbewegungen, wohl auch des Enthuſiasmus. Die lydiſche endlich zeichnete ſich durch die Höhe und Schärfe der Töne aus und erregte daher beſonders wohllüſtige Gefühle.— Später, als durch Terpander die Lyra, das National⸗ Inſtrument der Griechen, aus einem Tetrachord in ein Hehtachord, d. h. als die griech. Tonleiter aus einer Quart(did 1200) in eine Octave(d τααν) ſich verändert hatte: ſo vervielfältigten ſich auch die Tonarten; zwiſchen die doriſche und phrygiſche kam die joniſche, zwiſchen die phrygiſche und lydiſche kam die äoliſche, wovon jene den Character des Luſtigen, dieſe gleichfalls den der heftigeren Bewegung hatte. Zu dieſen fünf Tonarten kam noch eine ſechste, die ein halber Ton höher war als die lydiſche, welche die vermiſchtlydiſche hieß und die zärtlichſten Melodien ausdrückte. Noch höher und alſo die höchſte Tonart, welche die Griechen kannten, muß die hier von Plato genannte hochlydiſche geweſen ſein und alſo ſehr gellende und das Gemüth ganz durchdringende Töne gehabt haben.— Zu dieſen ſieben Tonarten kamen ſpäter noch mehrere, als die Muſik immer mehr verkünſtelt wurde.