Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 2—

dundieſe Form mit unſerer Staatsverfaſſung darum nicht in logiſchem Einklange finden, weil es bei uns keinen zwei oder mehreren Herrn dienenden Mann gibt, dieweil bekanntlich jeder nur ein einziges Geſchäft treibt.— Freilich ſteht jene Form hiemit nicht im Einklang.— Nicht wahr, aus dieſen Gründen werden wir auch nur in dieſer Staatsverfaſſung allein den Schuhmacher nur als Schuhmacher finden und keinen Steuermann neben der Schuhmacherei, den Ackerbauer nur als Ackerbauer und nicht einen Richter neben der Ackerbauerei, den Krieger nur als Krieger und nicht eine Krämerſeele neben der Kriegskunſt und jeden überhaupt ſo in ſeinem Stande.— Ja richtige Behauptungen.— Wenn alſo ein Mann, der(398) in Folge ſeiner Geſcheidheit alles Mögliche werden und alle möglichen Künſte nachahmen könnte, in unſeren Staat in der Abſicht käme, ſich und ſeine Kunſtſtücke zu zeigen: ſo würden wir ihn als einen gottgeweihten, bewunderungswürdigen und allerliebſten Mann verehren, ihm aber mit der Andeutung, daß ſo ein Mann ſich in unſerem Staate nicht befinde und auch nicht hinein kommen dürfe, das Geleit in einen andren Staat geben, indem wir ſein Haupt mit Salbe begießen und mit wollenen Bändern*) bekränzen, wir ſelbſt aber würden uns des moraliſchen Intereſſe wegen einen Dichter und Fabellehrer anſchaffen, der ſtrenger und minder anmuthig iſt, damit er uns die Vortragsweiſe der Rechtſchaffenheit nachahme und den Inhalt des Vortrages nach jenen allgemeinen Beſtimmungen vortrage, welche wir am Anfange als Geſetze aufſtellten, als wir unſere Wehrmänner zu erziehen begannen. — Ja ſicher werden wir ſo verfahren, wenn es auf uns ankömmt.— Hiemit nun, mein Lieber, ſcheint von uns die erſte Unterabtheilung der humanen Jugendbildung durch die Künſte der Muſen oder Literatur**), welche auf proſaiſch ſprachlicher Darſtellung und Fabeln beruht, volſtändig zu Ende geführt zu ſein; denn die Beſtimmungen ſowohl über den Inhalt als auch über die Foym ſind abgemacht.— Ja auch mir ſelbſt ſcheint es ſo.— 10. Nicht wahr, nach dieſer einen Unterabtheilung bleibt uns noch die andere über den rechten Character der muſtkaliſchen Vortragsweiſe und

*) Dieſe Stelle erkärte K. F. Hermann in ſeiner Recenſion Stallbaum's unter Beziehung auf Lucian im Charon Kap. 22 ſowie auf Kirchmann de funeribus p. 372 und auf Jacob ad Luo. Alexandr. p. 60 alſo:„Wie Grabdenkmäler will Plato(in ſeinem Staate) die Dichter behandelt wiſſen, die zwar ſtets Gegenſtände heiliger Scheu bleiben, nichts deſto weniger aber außerhalb der Städte verlegt werden. Der plat. Ausdruck„mit Wolle bekränzen“ geht auf die vittae, zlvα(Bänder), deren Ariſtophanes in einem Fragmente gedenkt, obſchon nicht zu läugnen iſt, daß man die Gräber zuweilen auch mit Blumen bekränzte.“

**) S. B. II, Kap. 17. Die ganze Jugendbildung begriff A. die geiſtige oder muſiſche, B. die körperliche oder gymnaſtiſche.— A. begreift wiederum a. die ſprachliche oder literariſche, b. die muſikaliſche oder tonkünſtleriſche; B. begreift als Unterg theiſunzen a. das eigentliche Turnen, b. die Däätik.