— 18—
auch die angebliche Vermittlung eine Verbindung von Halbheiten iſt; in fraglichem Falle war es noch weniger leicht, noch undankbarer, als hievon wenigſtens in unſerem Lande kein Vorbild und auch keine Anleitung dazu exiſtierte. Obwohl von Natur aus und durch Bildung für keinerlei Halbheit geneigt, ſo mußte ich hier doch eine Vermittlung nicht bloß möglich, ſondern auch unter den gegebenen Verhaͤltniſſen für das Rathſamſte, ja für eine Nothwendigkeit halten, und zwar nicht nur aus dem aͤußeren Grunde, daß für eine völlige Geſondertheit, wie ſich auch die angeblich entſchiedenſten Be⸗ ſtrebungen thatſächlich überzeugen mußten, die Mittel nicht zu beſchaffen waren, ſondern auch aus einem hiſtoriſchen Grunde. Wer die Geſchichte nicht nur der Wormſer, ſondern auch anderer Ge⸗ lehrten⸗Schulen(Gymnaſien) ſtudiert, der muß ſich die Wahrheit abſtrahieren, daß ſie damals in der größten Achtung ſtanden, als ſie Bildungs⸗Anſtalten ſowohl für den künftigen Beamten wie für den guten Bürgerſtand waren. Dieſes war damals frellich leichter, weil noch nicht ſo viele und verſchiedene Lehrgegenſtände verlangt wurden, dieſe Zeit aber kann und ſoll nicht zurückgerufen werden. Doch multa fiunt eadem sed aliter. Aber der jugendliche Geiſt kann und muß von meh⸗ reren Seiten geweckt und genährt werden, wenn die Unterrichtenden ſich die in dem „Buche der Völker“, in der Bibel, enthaltene einfache Seelenlehre zur Richtſchnur nehmen, nach welcher die menſchliche Seele ein Ebenbild Gottes iſt und in dieſem Sinne namentlich in der Jugend⸗ Zeit gepflegt und geleitet werden will, nach welcher ſie die Seele des Schülers als ein Haus anzu⸗ ſehen haben, in das man wohl ohne Schaden durch den natürlichen Eingang, nicht aber durch das Fenſter eindringen kann; wenn ſie, mit einem Worte, methodiſch unterrichten, ſtatt abzurichten, oder allgemein verſtändlich, wenn ſie alle im Geiſte und in der Wahrheit, welche in allen Dingen das beſte Einigungsband ſind, ihre verſchiedenen Lehrzweige behandeln. Dieſe Art von Ver⸗ mittlung, das Gymnaſtum zeitgemäß auf der früheren Bahn einer allgemeinen Bildungsanſtalt zu halten, hat Zeit gebraucht, bis ſie in Nähe und Ferne, nach Unten und nach Oben Anerkennung fand, und man hat dabei oft die Wahrheit des Spruches empfunden, daß jeder Mittler auch ſeine Kreuziger findet, zumal bei öfterem Behörden⸗ und Lehrerwechſel und während der extremſten Zeit⸗ beſtrebungen in kirchlichen und weltlichen Verhältniſſen, im Leben wie in der Schule.
Um ſo erfreulicher und ermunternder mußte es uns ſein und Allen, welche zur Erhaltung des Gymnaſiums in ſchwierigen Zeiten redlich beigetragen haben, daß dieſer ſeit 30 Jahren, trotz allem Dem, befolgten Vermittlung das Wort geſprochen ward, woher ein mit den hieſigen ſpeciellen Verhältniſſen Unbekannter es am wenigſten erwarten wird, von der Großh. Handelskammer dahier. Dieſe Genugthuung erſcheint aber um ſo wichtiger, wenn man weiß, daß unter den fünf ordentlichen Mitgliedern derſelben, vier: der Herr Präſident Leonhard Heyl, die Herrn Franz Betz, S. A. Michaelis und Franz Valckenberg(das fünfte Mitglied, Herr Doerr, iſt ein geborener Mainzer) befinden, welche Schüler unſeres Gymnaſiums ſind und zwar aus einer Zeit desſelben, in welchem dem Realismus noch durch keine beſonderen Klaſſen Rechnung getragen ward.
Gleich merkwürdig für unſer Gymnaſium iſt es, wenn die Großh. Handelskamme in Worms, wmahrſcheinlich wiederholten Stimmen in der erſten Ständekammer gegenüber Iſ. Darmſtädter Zeitung 1860, Nr. 179*)], ſich der drei ſ. g. kleineren Landes⸗Gymnaſien
*) Dort heißt es unter Beziehung auf die früheren Nrn. 128 und 129:„Bei den Gym naſien hatte der Ausſchuß „wiederholt die frühere Anſicht ausgeſprochen:„daß das Gymnaſialweſen nur dann auf einen entſprechenden Höhepunkt „wieder gebracht werden könne, wenn man ſich entſchließen würde, die kleineren Gymnaſien(zu Büdingen, Bensheim „und Worms) ganz eingehen zu laſſen. Man hätte dann die zur Verbeſſerung und Erweiterung der drei Provinzial⸗


