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Die ernſte Naturwiſſenſchaft wird ſich indeſſen durch den glücklichen Erfolg des neuerdings von ihr eingeſchlagenen Er⸗ fahrungsweges nicht zum Uebermuth verleiten laſſen, ihre Schweſtern deßhalb nicht verachten oder überflüſſig halten wol⸗ len. Auch ſie hat früher, wie alles Menſchliche, ihre Irrgänge gemacht, und wenn ſie glücklich den rechten Weg wieder ge⸗ funden, ſo hat ſie dieſes andren Wiſſenſchaften, namentlich ge⸗ rade den Irrthümern der ſpeculativen Naturphiloſophie zu verdanken. Zwar haben die aprioriſchen Lehrgebäude der Philoſophie über die Entſtehung der Welt nur noch einen hi⸗ ſtoriſchen Werth, aber darum wird die wahre Naturforſchung um ſo weniger die ganze Philoſophie für überflüſſig halten, je mehr ſie jeden Tag die Wirkſamkeit von Kräften anerkennen muß, die der empiriſchen Naturforſchung unzugänglich ſind. In der Philoſophie iſt ſchon von Socrates die aprioriſche Con⸗ ſtruction der Natur als unnütz aufgegeben und das eigentliche Gebiet der Philoſophie in die Erforſchung der menſchlichen Seele verlegt worden. Dies Gebiet, welches ſich nach einem feinen Beobachter der Natur(Göthe) nicht mit Hebeln und mit Schrauben erforſchen läßt, wird die Philoſophie auch immer⸗ dar behaupten, und ſelbſt der ſtolzeſte empiriſche Naturforſcher wird dieſes Gebiet reſpectiren müſſen, wenn auch nur als eigenthümliche Naturforſchung des menſchlichen Geiſtes, und von dieſer Forſchung ſich die Fackel vor⸗ tragen laſſen müſſen, wenn man nicht in einen argen Ma⸗ terialismus gerathen will. Was von der Philoſophie gilt, das gilt auch ganz beſonders von der Mathematik, ohne welche es gar keine empiriſche Naturwiſſenſchaft geben würde; gilt ferner auch von andren Wiſſenſchaften.
Was erſt, nachdem Jahrtauſende verfloſſen, Die alternde Vernunft erfand,
Lag im Symbol des Schönen und des Großen Voraus geoffenbart dem kindlichen Verſtand—,
mag von dieſem Spruche Schiller's die Naturwiſſenſchaft auch manche Ausnahmen aufführen können, im Ganzen bleibt er wahr, und was die Gewißheit anlangt, ſo werden


