Aufsatz 
Vergleichende Darstellung der lateinischen und französischen Conjugation
Entstehung
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Wir behandeln daher:

Den Stamm, welcher den Verbalformen der Gruppe I. zu Grunde liegt.

Der Stamm findet ſich bei faſt allen Verben im Lateiniſchen und den meiſten Verben im Franzöſiſchen in allen Formen genannter Gruppe unverändert. Nur ſehr ſel⸗ ten erleidet er im Lateiniſchen lautliche Veränderungen. Im Franzöſiſchen kommen ſolche Veränderungen viel häufiger vor. Dieſe Veränderungen können nun am Aus⸗ laute des Stammes oder an deſſen Inlaute vor ſich gehen.

Die Verba mit unveränderlichem Stamme und einen Theil der Verba mit am Auslaute veränderlichem Stamme nennt man in den Schulgrammatiken gewöhnlich regelmäßige Zeitwörter. Ihnen ſtellt man den übrigen Theil der Verba mit am Auslaute veränderlichen Stamme und alle Verba, welche den Inlaut ihres Stammes verändern, als unregelmäßige Zeitwörter gegenüber.

Ferner hat man die Verba, welche ihren Stamm gar nicht oder nur unbedeu⸗ tend, und zwar am Auslaute verändern, entſprechend den in der deutſchen Grammatik gebräuchlichen Terminis, ſchwache, die übrigen ſtarke Verba genannt.

Dieſe Eintheilung in ſchwache und ſtarke Verba iſt nicht mit derjenigen zu ver⸗ wechſeln, bei welcher, wenigſtens bezüglich des Franzöſiſchen, die Bildung des Perfects (passé défini) zum Eintheilungsgrund genommen wird. ¹) Endlich hat man ſämmt⸗ liche Verba im Lateiniſchen in vier, im Franzöſiſchen in drei oder vier Conjugationen eingetheilt. Zur erſten Conjugation im Lateiniſchen rechnet man die Verba auf are, zur zweiten die auf ére, zur dritten die auf öre, zur vierten die auf ire. Wenn man im Franzöſiſchen drei Conjugationen unterſcheidet, ſo rechnet man zur erſten Conjugation die Verba, welche ſich im infin. prés auf er, zur zweiten diejenigen, welche ſich im infin prés. auf ir und zur dritten diejenigen, welche ſich in dieſer Form auf re endigen.²) Unterſcheidet man aber im Franzöſiſchen vier Conjuga⸗ tionen, ſo theilt man die Verba den einzelnen Conjugationen zu, je nachdem ſich der infin prés. auf er, ir, oir oder re endigt. ³)

Die Eintheilung in regelmäßige und unregelmäßige Verba, verbunden mit der anderen Eintheilung in vier reſp. drei oder vier Conjugationen, hat von pädagogi⸗ ſchem Standpunkte aus ſeine Vortheile. In noch höherem Grade iſt dieſes der Fall, wenn ſich mit der Eintheilung in regelmäßige und unregelmäßige Verba eine ſolche in vier Conjugationen und in ſtarke und ſchwache Verba verbindet. Vom Stand⸗ punkte der vergleichenden Sprachwiſſenſchaft aber ſind dieſe Eintheilungen deshalb unge⸗ nügend, weil die Eintheilungsgründe nicht, nach ihrem Werthverhältniſſe geordnet, verwen⸗

¹) Vergl. Mätzner, Fr. Gr.§ 59; Körting, Fr. Gr.§ 32.

²) Vergl. z. B. Dr. L. Noiré, F. H. J. Albrechts Fr. Gr.§ 39— 47.

3³) Dieſe Eintheilung findet ſich, verbunden mit einer weiteren Untereintheilung nach der Bildung des passé défini u. part. passé, in den Plötz'ſchen Werken.