Aufsatz 
Jüdische und heidnische Zeugnisse über Christus und das Christenthum aus den zwei ersten Jahrhunderten vor und im ersten Jahrhundert nach Christus : 1. Theil. Die Zeit der Erwartung des Welterlösers / von Westenberger
Entstehung
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Nicht minder wird in der Poesie Virgil als Vorhersager Christi verherrlicht. In einem mittelhochdeutschen Gedichte aus dem dreizehnten Jahrhundert ¹) wird die Ankunft des Sohnes Gottes durch gottgesandte Boten: Patriarchen, Könige und Propheten, die Magt Sibylle, Hèêr Nabuchodonossor und Virgil verkündet. Die Botschaft des Letzteren ist die in vierfüssigen Jamben vollständig mitgetheilte vierte Eeloge, welche anfängt:

Die leste zit soll komen von Sibillà hât gesaget etc.

Dante( 1321), in dessen divina comedia die christliche Dichtkunst zum höchsten Triumph emporgestiegen ist, feiert darin den Virgil als seinen Meister; von ihm lässt er sich durch Hölle und Fegfeuer geleiten. Wenn Virgil auch dort auf dem Gipfel des Fegfeuerberges gurückbleibt und in höhere Regionen nicht vorschreitet, so wusste er doch, wie Statius in der divina comedia sagt, Andere weiter, als er selbst kam, insbesondere qurch seine vierte Ecloge zu führen. Denn also spricht Statius ²):

Dem der bei Nacht geht, warst Du gleichaustellen, Dem seine Leuchte selbst kein Licht verbreitet, Um hinter ihm die Strasse zu erhellen,

Indem Du sprachst: Erneuert wird die Zeit,

Ich sch' ein neu Geschlecht vom Himmel steigen Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.

In einem Weihnachtsspiele, welches im Mittelalter in Rouen aufgeführt wurde ³), werden Jacob, Moses, David, die Propheten, Elisabeth, Johannes der Täufer, Simon, dann Nabuchodonossor, die Sibylle und Virgil zum Zeugniss über Christi Ankunft vorgerufen. Bei Virgil heisst die Aufforderung: Maro, vates gentilium, da Christo testimonium! Virgil antwortet: Ecce polo demissa solo nova progenies est.

Selbst im christlichen Cultus fand Virgil auszeichnende Erwähnung. In Mantua wurde zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts in der Cathedrale am Feste des heiligen

Paulusgesungen ¹): Ad Maronis mausoleum Zu Virgiliens Grab geführet ductus fudit super eum Goss er sinnend, mild gerühret, pium rorem lacrymae. Thau der Thränen auf den Ort: Quem te, inquit, reddidissem, Sprach, welch Heil war Dir beschieden, si te vivum invenissem, Traf ich lebend Dich hienieden, poetarum maxime! Du der Dichter Preis und Hort).

Endlich ist auch durch die christliche Kunst Virgil als Vorherverkünder Christi dargestellt. Im Chore der Cathedrale von Zamora in Spanien findet sich aus dem zwölften Jahrhundert unter den zahlreichen Gestalten der Propheten des alten Bundes der römische Dichter, den das beigeschriebeneprogenies kenntlich macht. In den Malereien Vasaris

in einer Kirche von Rimini erscheint Virgil ganz in derselben Weise 5). Das koͤnigliche

1) herausgegeben von Bartsch: die Prlösung, Quedlinb. und Leipzig 1858.

2) Purgat. XXII. 67 ff.

3) bei du Cange: Glossar. med. et inf. lat. s. v. festum asin. tom. III. p. 255 col. 2 ed. Henschel.

4) Nach der Sage soll der heilige Paulus am Grabe Virgils stehend es beklagt haben, ihn nicht mehr am Leben zu treffen.

5) Nach der Schlosser'schen Uebersetzung.

6) Virgil im Mittelalter von Comparetti. Deutsch von Hans Dütschke, Leipzig 1875, S. 96.