Aufsatz 
Über Uhland's "Herzog Ernst"
Entstehung
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deutſcher Sprache und Poeſie theilten ihren Gewinn der Schule mit. Die Gymnaſien mußten herunterſteigen von ihrem Stand⸗ punkte, der nur das antik⸗klaſſiſche als Bildungsſtoff anerkannte; ſie mußten deutſche Sprache und Literatur, die ſo lange das verachtete Aſchenbrödel geweſen, in ihrer Königswürde anerkennen; in eben dem Maße hoben ſich die Volks⸗ und Bürgerſchulen und bildeten ihre Jugend von ihren Gellert, Hagedorn, Pfeffel, von ihrenLehren der Weisheit und Tugend hinan zu den pädagogiſch und poetiſch gediegenen Sammlungen, wie ſie nach Wackernagels Vorgang jetzt reichlich vorhanden ſind.

Leider werden die wirklich werthvollen, aus der Erfahrung eines langen Schullebens hervorgegangenen Sammlungen gar ſehr beeinträchtigt durch die wie Pilze aufſchießenden Machwerke der Speculation, welche dem Gediegenen ſeine Verbreitung ver⸗ kümmern und unſere Jugend mit viel Mittelmäßigem abſpeiſen. Außerdem bringen auch die tüchtigen poetiſchen Sammlungen unſerer Jugend eine Gefahr nahe, die aber mehr durch die Behandlung des Stoffes von Seiten des Lehrers hervorgerufen wird. Indem man nämlich den gewiß richtigen Grundſatz der neueren Pädagogik, daß das Leſebuch Mittelpunkt in der Mutter⸗ ſprache und deren Literatur ſein müſſe, auf die Spitze geſtellt hat, geräth man in eine wahre Wuth des Erklärens und Zer⸗ legens und kommt faſt dahin, die Tüchtigkeit des Lehrers nach der Gewandtheit zu bemeſſen, mit der er das einzelne Gedicht oder Leſeſtück zum Träger der verſchiedenartigſten ſprachlichen und ſachlichen Erläuterungen zu machen verſteht. Daß eine ſolche Uebertreibung des Grundſatzes:Das Kind muß ver⸗ ſtehen, was es lieſt und lernt! faſt ebenſo nachtheilig wird, wie das glücklich beſeitigte gedankenloſe Leſen und Lernen, indem ſie dem Geiſt durch die fortwährende Zergliederung leicht den Ueber⸗ blick über das Ganze raubt und in dem Gemüthe durch die Vorliebe für die todte Form den lebendigen Eindruck ſchwächt: das hat ſchon K. Ph. Wackernagel in der gediegenen Abhandlung, die er ſeinem Leſebuche beigegeben, auf's Nachdrücklichſte hervor⸗