Aufsatz 
Über Uhland's "Herzog Ernst"
Entstehung
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Uleber Uhland'sHerzog Ernſt.

Wer deß vergäße, thät uns leide!

Hugo von Trimberg. (Der Renner V. 1219.)

Es iſt eine auffallende und zugleich betrübende Erſchei⸗ nung, daß ein bedeutendes Erzeugniß der dichteriſchen Thätigkeit unſeres trefflichen, nun heimgegangenen Uhland, ſeine beiden hiſtoriſchen Dramen, ſo lange Zeit faſt unberückſichtigt geblieben ſind und heute noch bei Weitem nicht in dem Grade erkannt und verwendet werden, wie ſie es verdienen. Wohl dauerte es auch länger, als wir jetzt begreifen können, bis ſeine lyriſchen Gedichte und ſeine Balladen und Romanzen verbreitet wurden und in den Beſitz des deutſchen Volkes übergingen. Die Zeit unmittelbar nach den Befreiungskriegen, die dem deutſchen Volke für das Opfer ſeines beſten Blutes eine ſo kläglich verküm⸗ merte Frucht brachten, war nicht dazu angethan, dem ſtillen Ernſt und der männlichen Würde Uhland'ſchen Geiſtes die Herzen zu öffnen. Wilder Groll und Unmuth trieb einerſeits Manche, und nicht die ſchlechteſten, zu Ausſchreitungen, die den Herrſchenden nicht unerwünſchte Gelegenheit boten, mit Gewalt einzugreifen; andrerſeits erſchlaffte in dem größeren Theile die kaum erſt durch die Schmach äußerer Knechtſchaft wach gerufene vaterländiſche Geſinnung oder beſchied ſich, Angeſichts der ohne Scheu entfalteten militäriſchen Machtfülle der wiedererrichteten

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