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Am 16. September 1855 wurde von Dr. Lucius eine Gymnaſialpredigt gehal⸗ ten über den bibliſchen Text: Gehorchet Euren Lehrern und folget ihnen, denn ſie wachen über Eure Seelen als die da Rechenſchaft dafür geben ſollen, auf daß ſie das mit Freuden thun und nicht mit Seufzen, denn das iſt Euch nicht gut. Den Schluß bildete folgende Anſprache an die Abiturienten:
Und euch, theure Jünglinge, die ihr nun bald aus unſerer Mitte ſcheiden werdet, welch ein Wort ſoll ich euch in dieſer unſerer letzten Andachtsſtunde mit auf euren Le⸗ bensweg, mit hinaus in die Welt geben? Ich kann heute nicht zweifelhaft ſein: es iſt das vierte Gebot, das ich euch mitgeben will, das ich, wenn ich könnte, euch auf die Seele binden, in eure Herzen ſchreiben würde. Aber ich kann nur bitten, nur herzlich euch bitten um eures eigenen Heiles willen, vergeſſet die drei Worte nicht:
Ehret die Eltern! Ehret die Obrigkeit! Ehret die Lehrer!
1) Ehret die Eltern! Bewahret auch draußen in der Welt dem theuren Elternhauſe eure Treue und Liebe. Das Elternhaus öffnet jetzt ſeine Pforten, um euch aus ſeinen engen ſtillen Räumen in die weite geräuſchvolle Welt zu entlaſſen. Ein neuer Lebensabſchnitt beginnt für euch. Ihr tretet hinaus mit jugendlicher Freude, Wonne und Hoffnung im Herzen. Aber täuſchet euch nicht! Viele Gefahren ſind es, denen ihr entgegengeht, viel Glück, das ihr hinter euch zurücklaſſt. Freier und ſelb⸗ ſtändiger werdet ihr von nun an ſein. Aber es harren Eurer die Kämpfe des Lebens, die Kämpfe mit ſeinen Lockungen und Verſuchungen, mit ſeinen Leiden, Sorgen und Mühen, Kämpfe, die eure ganze Kraft herausfordern werden. Und alle dieſe Kämpfe habt ihr von nun an auf euch allein geſtützt zu beſtehen, auf euch allein ruht jetzt die ganze Berantwortlichkeit für all euer Thun und Laſſen. Wie ſo ganz anders war es doch ſeither daheim, da, wo euch die Tage der Kindheit und Jugend in harmloſem Glücke dahinſchwanden! Mag die Welt euch auch noch ſo viel bieten, das Vaterhaus kann ſie euch nimmer erſetzen. Denn— glaubt es dem erfahrenen Manne— die Welt kennet nicht die aufopfernde, ſich ſelbſt vergeſſende Liebe, die treue unermüdete Sorge, die aufrichtige, herzliche Theilnahme, die nur in den heiligen Räumen des Elternhauſes wohnen. Nirgends auf dem ganzen weiten Erdenrunde werdet ihr ein Vater-, ein Mutterherz wiederfinden, nirgends euch wieder ſo wohl und heimiſch, ſo ſicher und ge⸗ borgen fühlen, wie an dem väterlichen Herde. Da, da allein iſt auf Erden eure eigent— liche Heimat; die Welt iſt nur die Fremde, in die ihr aus dieſer Heimat entlaſſen werdet. O, machet euch in der Welt nicht heimiſch, hängt euer Herz nicht an die Welt und ihre Luſt, traut nicht ihrem Reize und gleißendem Scheine, behaltet auch draußen ein rechtes Herz fürs liebe Elternhaus, in welchem ihr ſo manches ängſtlich beſorgte Herz zurücklaſſt, entfremdet euch ihm nicht, zerreißt nicht mit frevelhafter Hand das heilige Band, das euch an es feſſelt!
Ehret die Eltern! Bei aller Selbſtſtändigkeit und Freiheit— Kinder euerer Eltern ſeid ihr doch, und Kinder ſollet ihr auch bleiben! Ach, bewahret euch auch fern vom Vaterhauſe Kindesſinn und Kindesſitte! Je mehr der Jüngling Kind bleibt, um ſo beſſer iſt er. Selbſt als Männer ſollen wir ja wie die Kinder werden, und den Kindern gehört das Himmelreich!*) Nur in dem Einen ſeid nicht mehr Kinder, darin, daß ihr euch wägen und wiegen laſſet von allerlei Wind der Lehre, durch Schalkheit der Menſchen und Täuſcherei**), ſondern ſeid
*) Matth. 19, 14. **) Eph. 4. 14. vgl. 4, 13.


