Geiſt nur ſiehet, Geiſt nur höret; alles Andr' iſt blind und ſtumm. Epicharmos.
Die Stiftung des hieſigen Gymnaſiums, ausgegangen von dem Landgrafen Ludwig V. und vollendet am 12. April 1629 von deſſen Sohne und Nachfolger Georg II., iſt in einem ſchönen Gedicht gefeiert worden, welches(auch in Künzel's Geſchichte von Heſſen H. 5, S. 397 enthalten) in den Annalen dieſer Anſtalt aufbe⸗ wahrt zu werden verdient.
„Was der Vater mir geboten,
Was ich ſelbſt mir anbefabl, Jenes Wort des edlen Todten,
Jenes Wort der eignen Wahl: Eine Schule, gut und tüchtig,
Der Gelahrtheit Schirm und Hort, Eine Schule, rein und züchtig,
Sei nicht länger bloßes Wort!“
„Endlich in das Blau der Lüfte Strecke ſich's durch Quadern aus; Hier, wo meines Stammes Grüfte, Hier, wo meines Lebens Haus, Wo vor zweiundzwanzig Jahren Ich dies Leben ſelbſt begrüßt, Will ich pflegen, halten, wahren, Was des Lebens Reiz verſüßt.“
Es geſchieht. An ſtillem Orte Hebt die Schule fich empor; Mählich wölbt ſich Gang und Pforte, Steigen Treppen, glänzt das Thor; Nach dem Hof, welch zieres Wappen! In dem Hof, welch friſcher Quell! Der Gelahrtheit Ritter, Knappen, Alſobald ſeid an der Stell'!
Eines Tags, da man zu Neune Sechszehnhundert zwanzig ſchreibt, Der April im Morgenſcheine Seine zwölfte Woge treibt, Oft von Pulverdampf umhüllet In der Zeiten Qual und Noth, Hat ſich treu und wahr erfüllet Unſres zweiten Georg Gebot.
Wie die guten Städter ſchauen, Wie ſich Alles drängt heran! Wie ſich Alles will erbauen,
Aus den Gaſſen, auf dem Plan! Seht die Mäntel, bunt und faltig, Seht der Lehrer feſten Gang, Seht die Schüler, vielgeſtaltig,
Höret ihren Feſtgeſang!
Durch des Schloſſes weite Hallen Geht's zum ſchöngefügten Saal, Und mit inn'gem Wohlgefallen Sieht es Georg und ſein Gemal; In dem Auge Glück und Segen, Auf der Lippe Dank und Gruß, Treten ſie dem Zug' entgegen Und dem Rector Klinckerfuß.
Feſtlich ſteht des Landes Adel, Schwarz des Städtleins Geiſtlichkeit, Seine Rätbe, ohne Tadel, Sind um Landgraf Georg gereiht: Feſtgeſang und Feſtgebete, Würdig bochgelahrter Art, Und romantiſch klingt die Rede Kanzler Wolfs von Todtenwart.
Als der hehre Act vollendet, Geht's zur Kirche ſtill und kühl, Hoch zum höchſten Herrn gewendet Iſt Bewuſſtſein und Gefühl; Mit der Orgeltöne Rauſchen, Mit der Predigt ſtrömt es fort, Wie ſie All' der Weihe lauſchen Heil'gen Werks an heil'gem Ort.
Jene Lehrer, fünf gezählet, Ihrer Schüler Dutzendzahl
Sehn wir bald gequält, geſtählet Durch die Peſt und Kriegesqual;
Landgraf Georg ging zu den Todten, Zu den Todten ſein Gemal,
Doch die Schule ward zum Boten
In der Zeiten Abendſtrahl.
K. Buchner. 1


