ſittlichen Wertes, bezw. Unwertes bekundete und zum Vertrauen auf Gottes Gnade hinführte nicht aber zugleich mit aller Macht dazu hindrängte, das ſittlich Gute nach Vermögen zu verwirk⸗ lichen. Es wäre undenkbar, daß ein Sünder, der die Perſon Jeſu allein für wertvoll genug anſieht, um durch ihre Hingabe in den Tod die menſchliche Schuld zu ſühnen, die Anweiſung Jeſu zu einem frommen Lebenswandel als der Beachtung unwert anſähe und wirklich unbeachtet ließe, daß das Vertrauen auf die Bedeutung der Wirkſamkeit Jeſu ſich nicht zugleich auf deſſen Sittenlehre erſtreckte. Ge⸗ wißlich iſt der wahrhaft Demütige zugleich der eigentlich Strebſame, wie ja auch in andern Verhältniſſen der ſeine Kraft am meiſten zur Erreichung des Könnens anſpannen wird, der ſich ſeines Nichtkönnens bei vorhandener Luſt am Können am ſtärkſten bewußt iſt. Und gerade darum, weil der Demütige die Aus⸗ ſicht auf die Gnade Gottes als ſeinen einzigen Troſt empfindet, wird er ſich vor dem Mißbrauch derſelben hüten d. h. ſich ſcheuen, weniger nach dem von Gott durch Jeſus geforderten Grad ſittlicher Recht⸗ beſchaffenheit zu ringen, als ihm dies durch die ihm nach Gottes Güte gewordene chriſtliche d. h. auf der erhabenen Sittenlehre des ſündenreinen Heilands ruhende Erziehung und Beeinfluſſung vonſeiten der chriſtlichen Gemeinde möglich gemacht worden iſt, und wird ſich ſcheuen, irgend eine der ihm von dem guten Gott verliehenen Kräfte dem Dienſte desſelben zu entziehen.
Weil aber die Gnade Gottes, der der demütige Chriſt ſeine Rechtfertigung verdankt, eine Außerung der Liebe Gottes iſt, die ganz beſonders in der Sendung Jeſu Chriſti ihr ſegnendes Walten offenbarte, ſo fühlt ſich der Demütige, der ſich im Glauben an Jeſum angeſchloſſen hat, mächtig getrieben, die Liebe Gottes nach ſeiner Beſtimmung zur Gottähnlichkeit im Wirken ſeiner eignen Perſon nachzubilden d. h. in der Nachfolge Chriſti die Liebe zu den Menſchen als den Hauptbeweis der Liebe zu Gott in den Mittelpunkt ſeines äußeren und inneren Lebens zu ſtellen, wie das der Apoſtel Paulus Gal. 5, 6 fordert:„Denn in Chriſtus gilt weder Beſchneidung nach Vorhaut etwas, ſondern Glaube, der durch Liebe wirkſam iſt.“
Die Demut des Chriſten, die ihn zum Glauben an Chriſtus und damit zur Rechtfertigung vor Gott hinführt, bietet alſo allein die Bürgſchaft dafür, daß er nach dem Erweis ſeiner Unterordnung unter Gottes heiligen Willen, wie er ihn durch Chriſtus geoffenbart hat, in Sinn und Wandel ringen wird, denn der Inbegriff alles deſſen, was Gott will, iſt nach 1 Tim. 1, 5:„Liebe von reinem Herzen, und von gutem Gewiſſen und von ungefärbtem Glauben“. Aus dieſer Liebe, die der Apoſtel im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes in hoher Begeiſterung geprieſen hat, geht dann die Erfüllung der vielen ernſten Ermahnungen, die ſeine Briefe enthalten, als reife Frucht hervor. Ja, in der Vorausſetzung, daß ſich ein Chriſt auf dem Grunde der zum rechtfertigenden Glauben und zur Bethätigung wahrer Liebe hinführenden Demut hält, ſteht der Apoſtel nicht an, von aktiver Gerechtig⸗ keit zu reden d. h. von ſittlicher Rechtbeſchaffenheit ſeiner Lebensführung, nach Dr. Ritſchl von einer„ſelbſterworbenen moraliſchen Qualität“. II. S. 330.
Er ſagt Röm. 14, 7:„Denn das Reich Gottes iſt nicht Eſſen und Trinken, ſondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heiligen Geiſt“. Damit will er offenbar ſagen, daß es ſich im Gottesreich nicht um Speiſeverbote handelt, die er als Vertreter der unzähligen jüdiſchen Satzungen anführt, ſondern um die Bewahrung wirklicher ſittlicher Rechtbeſchaffenheit.(An Glaubensgerechtigkeit iſt nicht zu denken.)
Auch ſchon Röm. 6, 13. 16. 18. 19. 20 bedeutet Nνααι0Q die aktive Gerechtigkeit, denn es ſteht im Gegenſatz zur„Sünde“, nicht zu„Geſetzeswerken“. Röm. 6, 7 heißt d0rxaictat nicht„er iſt gerecht⸗ fertigt= für gerecht erklärt worden“, ſondern„er iſt zur Gerechtigkeit hingeführt worden“(cf. die Seite 5 angeführten Stellen Jeſ. 53, 11 b. Dan. 12, 3); um die Sache deutlicher zu machen, ſetzt Paulus hinzu: A ariee„von der Sünde weg“. Fragen wir, wodurch dies geſchehen iſt, ſo lautet die Antwort: „durch die Kraft des Evangeliums“.
2 Kor. 6, 7 erklärt er:„(Indem wir uns als Gottes Diener empfehlen cf. V. 4) durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken“. Da dieſe Erklärung mitten unter lauter Beſtimmungen der


