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daß auch das moderne Drama ſie nicht entbehren zu können ſcheint. In den Zeiten der Eliſabeth war dies Spiel mit Worten ein nothwendiges Erforderniß der öffentlichen Rede, ſo daß ſelbſt die chriſtliche Kanzelberedtſamkeit ſich ihrer zu bedienen gezwungen war..
Man hat Shakſpeare endlich einige Unwahrſcheinlichkeiten der Darſtellung zum Vorwurf gemacht, ein Vorwurf, der ſich übrigens mehr auf das Luſtſpiel bezieht, in welchem er wie Ariſtophanes ſich größere Freiheiten erlaubt. Sollte jedoch auch in ſeinen ernſten Dramen eine oder die andere Unwahr⸗ ſcheinlichkeit nachweisbar ſein, ſo kommt es immer darauf an, wie ſie behandelt iſt, und eine plumpe, lächerliche Behandlung dürfen wir bei dem die Ereigniſſe mit Sicherheit beherrſchenden Dichter ebenſo wenig annehmen, als wir bei Sophokles an eine Unwahrſcheinlichkeit denker, wenn wir glauben ſollen, daß Oedipus nie erfahren habe, wann und wo Lajos umgekommen ¹), was ihm doch Jokaſte hätte mittheilen können. Wir wollen uns dieſe Unwahrſcheinlichkeit gern gefallen laſſen, ſofern wir dadurch um eine der ſchönſten Tragödien des größten Tragikers des Alterthums reicher geworden ſind ²).
Wir durften dieſe ſogenannten Fehler Shakſpeare’s bei einer Vergleichung deſſelben mit den Alten um ſo weniger übergehen, als dieſelben ſich nicht als poetiſche Mißgriffe, nicht als künſtleriſche Schwächen zu erkennen geben, ſondern vielmehr mit Nachdruck auf die nationale Bedeutung der Werke des Dichters hinweiſen. Auch der griechiſche Chor, der unter Tanz die erhabenſten Wahrheiten ausſpricht; das Ein⸗ führen wichtiger Perſonen auf die Bühne, die ohne zu ſprechen auftreten(Jole, Pylades) ⁰⁴); die Behandlung der von faſt allen griechiſchen Tragikern benützten Pentheusfabel und ſo mancher Mythe, die ganz der modernen Anſchauungs⸗ und Denkweiſe entgegen, ſie ſind eben Erſcheinungen der Zeit, die der Zeitgeſchmack geheiligt hat, und die der Bildungsſtufe der antiken Welt angemeſſen waren. Gerade dieſes populäre Gewand, dieſes innige Verwachſenſein der dramatiſchen Kunſt mit dem Geiſte und Leben des Volkes hat der griechiſchen Tragödie einen allgemeinen, ewigen Charakter verliehen. Auf die enge Verwandtſchaft Shakſpeare's mit den Alten in dieſer Beziehung, haben wir bereits hingewieſen. Mögen darum immerhin Voltaire und ſeine Freunde, welche die durch die Zeit und Verhältniſſe nothwendig gewordenen Unterſchiede des antiken und modernen Theaters nicht begreifen, ſich über den britiſchen Dichter luſtig machen; mag jener immerhin, bei Anführung einer Stelle aus dem⸗ ſelben, höhnend ausrufen:„C'est du Sophocle tout pur 4)!“ wir glauben Boyer’'s Behauptung aufrecht
ſinn(Verſchwägerung u. Trauer), vgl. Schnetz, II. com. pg. 253; ibid. v. 1078 u. 1079: AroOANXov, dAπτ⁵μωονν Perser, v. 650: Alpelog, Japelog(ſtreitbar), vgl. Droysen, Aesch. II. pg. 331; Schutzfl. v. 763: Aovg(Wölfe), zugleich Anſpielung auf die Bewohner von Argos, die als Lykier können betrachtet werden.— Bei Sophokles: Oed. Col. v. 532: 65peXov 82*— Ae; Antig. v. 953: deλαν hαταασασα; Philoc. 805, 806: 25α— e5⁴αν Ajas, 408 410: alor— lser», Anſpielungen auf den Namen Al. Aehnliche Wortſpiele finden ſich bei Euripides.
1) Vgl. Arist. Poet. cap. 15.
2) Wenn Sh. einige Verſtöße gegen die Geographie zur Laſt gelegt werden, ſo erinnern wir daran, daß des Aeſchylus geographiſche Angaben nichts weniger als genau orientirt ſind(vgl. Dro y en, Bd. II. pg. 337); und wenn er den Hamlet auf der Univerſität Wittenberg ſtudiren läßt, ſo iſt dagegen nicht mehr einzuwenden, als gegen den Anachronismus des So⸗ phokles, in deſſen Elektra berichtet wird, daß Oreſt bei den viel ſpäter datirenden olympiſchen Spielen umgekommen ſei.
(v. 635 ff.) 3) Pylades ſpricht in des Aeſch. Grabesſpenderinnen gegen Ende nur 3 Zeilen.
4) Lacroix, pg. 154.


