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5) Um dieſen Zuſammenhang lebendig zu machen iſt, aber nicht blos erforderlich, daß man die Obergruppen, ſobald es thunlich iſt, als konkretes Ganzes hervortreten läßt, ſondern es iſt auch nötig, daß dieſes Ganze wirklich eine Fülle von Beſtandteilen enthalte, ehe zur ſyſtematiſchen Ordnung der Untergruppen geſchritten wird. Ehe die Vorſtellung Säugetier (zu Beginn wohl: vierfüßiges Tier) aus ihrer Unbeſtimmtheit zum Begriff erhoben und dem Vogel, dem Reptil ꝛc. gegenübergeſtellt wird, ſind viele verſchiedene Formen von all dieſen Tieren in Bild, Erzählung ꝛc. zum Bewußtſein zu bringen, ſtatt daß vorn herein eine beſchränkte Anzahl von„Typen“ nach allen Richtungen verarbeitet wird. Die ſcheinbare Oberflächlichkeit dabei iſt in Wirklichkeit Belebung und Vertiefung, die ſcheinbare Vertiefung, die bei der Behandlung weniger Typen erzielt wird, in Wirklichkeit Verdorrung und Verarmung. Die Betrachtung der Lebensge⸗ meinſchaften dürfte da ein vorzügliches Mittel ſein, Maſſeneindrücke allmählig zu analyſieren und in entſprechender Weiſe zu gruppieren.
6. Daß der ſyſtematiſchen Zuſammenfaſſung nicht blos die analytiſche Behandlung zu Grunde liegen ſoll, ſondern daß vor allem zeitlich ſynthetiſche, wo irgend möglich kauſale Zuſammen⸗ hänge, untergelegt werden ſollten, haben wir im zweiten Kapitel betont. Frühe ſollte das Bewußt⸗ ſein geweckt werden, daß zwei Betrachtungsweiſen, die Betrachtung des Werdenden und die des Gewordenen, allenthalben in der Natur gleichermaßen Geltung haben, daß jeder Stein, jeder Baum und jedes Tier ſeine Geſchichte hat, wie der Menſch, und daß die Natur in ihrem gegenwärtigen Beſtand ebenſo ein Produkt der Geſchichte iſt, wie die menſchliche Geſellſchaft in ihren ſyſtematiſchen Gliederungen; und dann, daß das Gewordene nur ein Querſchnitt iſt, den wir durch das Werdende ziehen, daß in letzterem das Morgen ſchon im Heute wandelt.
7. Andererſeits muß die Geſchichte ſelbſt wieder ſyſtematiſch nach einheitlichen, charakteriſtiſchen Entwickelungsmerkmalen gegliedert und ſo ſelber Gegenſtand ſyſtematiſcher Gruppierung werden. Und ich bin ketzeriſch genug zu glauben, daß die Art Geſchichtsunterricht, wie er mir in früher Jugend erteilt wurde, der mir einen freilich dürftigen, nur in einigen Einzelheiten ausführlicheren Zuſammenhang der Geſchichte der Inder, Aſſyrer, Babylonier, Perſer, Aegypter vis zu den Griechen und Römern, und von da durch die Völkerwanderung zu allen modernen Kulturvölkern gab, frucht⸗ barer war, als der heute faſt nur auf Griechenland, Rom und Deutſchland beſchränkte, hier freilich intenſivere Untericht. Denn man hat nach jener Behandlung einigermaßen einen Zuſammenhang, und für das, was man ſpäter hört oder lieſt, ſichere Beziehungsorte; und darauf iſt m. E. mehr zu ſehen, als darauf, daß eine große Stoffmaſſe, die freilich als belebendes Element nicht fehlen darf, auch eingeprägt werde. Die ſpeziellere Behandlung und genauere Einprägung von Einzelheiten muß ſich auf wenige, für die Kulturentwickelung beſonders wichtige Zeiträume und Gegenſtände beſchränken und hauptſächlich den Oberklaſſen, die bereits ein feſtes Apperzeptions⸗ netz haben ſollten, vorbehalten bleiben. Dieſer Geſichtspunkt, daß eine allgemeine, aber doch feſtgegliederte Totalauffaſſung*) dem Erlernen der Einzelheiten voraus zu gehen hat, kann man bei der Wieder⸗ gabe eines Kapitel⸗ oder gar Buchinhalts, dem Memorieren einer Rede, dem Erlernen eines Gedichts leicht bei ſich ſelber als richtig erkennen. Wenn man einen Vortrag, Einzelheit an Einzelheit reihend, gelernt hat, bleibt man ſtecken, ſobald die geringſte Einzelheit fehlt, während man ſich weiterhelfen kann, falls die Geſamtdispoſition ſicher im Kopfe haftet. Ein geleſenes Buch in der Reihenfolge der Einzelheiten zu behalten, iſt ganz unmöglich; hat man aber eine Ueberſicht über
*) Dies betont ganz richtig Frick, a. a. O. Lehrpr. 4 S. 101 vor oben genannter Theorie der Erzählung, wie er auch vor der falſchen geographiſchen Zuſammenſtellung einige ganz richtige allgemeine Ge⸗ ſichtspunkte bringt.


