Aufsatz 
Die objektive Apperzeption und ihre pädagogische Bedeutung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

anderen Gang vorſchreiben, iſt nicht derart, daß erſt die Unterbegriffe und aus dieſen durch immer weitergehende Abſtraktion von den Merkmalen die Oberbegriffe entſtehen, ſondern derart, daß z uerſt Geſamtanſchauungen und Oberbegriffe entſtehen,*) und daß dann innerhalb dieſer ſich nach analytiſcher Heraushebung der beſonderen Eigentünlichkeiten die Unterbegriffe bilden. Da gilt es für den Unterricht, ungeeignete Bildungen zu berichtigen, und feſte Gruppierungen als Grund⸗ und Leitordnungen ſcharf hervortreten zu laſſen. Das erſte, was dem Kinde ſich aufthut, iſtdie Welt. Der Gegenſatz und die Beziehung zwiſchen Innenwelt und Außenwelt bleibt ihm zunächſt allerdings verborgen, aber es iſt zeitig Sorge zu tragen, daß dies Bewußtſein in geordneter Weiſe erwachen kann. In der Außenwelt iſt nun zunächſt auf die Scheidung von Himmel und Erde, hier wieder von Waſſer und Land, hier wieder von Weltteilen, hier wieder von Gebirge, Ebene ꝛc. hin⸗ zuarbeiten. Da wirkt nun freilich das zeitliche Werden der Erfahrung mit einer anderen Syſtematik entgegen; denn das Kind lernt Stube, Haus, Straße, Garten ꝛc. eher kennen, als Stadt,(Dorf) Feld, Wieſe, Wald, oder gar als Meere und Weltteile, ſchafft alſo eine andere Gruppierung, wie ſie ein das Ganze zugleich überſchauendes Bewußtſein ſchaffen würde. Da wäre es natürlich verfehlt, wenn man die größeren, noch gar nicht überſchaubaren Gruppierungen voreilig ſchaffen wollte. Allein das Prinzip wird dadurch nicht verändert. Sobald die Erfahrung ſich ſo erweitert hat, daß größere Raumgruppierungen oder Begriffsgruppierungen möglich ſind, muß der bereits bekannte Einzelgegenſtand, oder die bereits bekannte Untergruppe in dem neuentdeckten Hauptzu⸗ ſammenhang wiedergefunden, nicht dieſer aus einer Syntheſe von Spezialmerk⸗ malen zuſammengeſetzt werden. Das iſt das Weſentliche. Sobald der Unterricht bereits methodiſcher verfahren kann, dürfte es ferner ſehr angemeſſen ſein, die Hauptgruppen feſtzuſtellen, ehe man Einzeldinge bereits eingehender analytiſch behandelt und gruppiert. Den anatomiſchen Bau von beſtimmten Säugetieren ins Einzelne zu zergliedern, ehe das Kind mindeſtens Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien, Fiſche, Inſekten unterſcheiden kann und neu vorkommende Exemplare hier ſicher eingliedert, iſt doch wohl nicht praktiſch; und noch weniger ſollte man mit Sextanern bereits wiſſenſchaftliche Zahnformeln und dgl. üben, wie z. B. der genannte M. Fiſcher(Lehrproben 1. S. 91 ff.) thut. Da genügt dann doch eine ein⸗ fachere Vergleichung der Gebiſſe; andere näherliegende Unterſchiede ſind für die allgemeine Natur⸗ kenntnis wichtiger, vor allem aber die Fertigkeit, die Gegenſtände an ihren Ort zu bringen. Ich meine nicht etwa ſchon die begriffliche Fertigkeit, die z. B. in der Botanik wiſſenſchaftlich nach Linné's Syſtem beſtimmen kann, ſondern die Fertigkeit, ohne weitere Umſtände z. B. Apfelbaum, und Birnbaum, Eiche und Buche, Roggeu und Weizen von einander zu unterſcheiden; erſt, wenn man das einigermaßen kann, erwacht das Bewußtſein von den Merkmalen, durch die man unter⸗ ſcheidet, und dann gewinnt deren bewußte Handhabung lebendigen Wert. Daß man nachher nicht in allen Gruppen mit der Zergliederung gleich weit geht, ſondern die Einzelbehandlung auf einige wenige Gruppen beſchränkt, iſt ſelbſtverſtändlich. Durch nachherigen Hinweis auf die Maſſe des nicht ins einzelne Behandelten kann man dem Schüler eine Ahnung von und Achtung vor der Unendlichkeit der Aufgaben verſchaffen, und ihn ſo vor banauſiſchem Dünkel be⸗ wahren. Aber er hat dann wirklich etwas, das er mitnimmt und brauchen kann, einen Z u⸗ ſammenhang, innerhalb deſſen ſeine alten, wie ſpäteren Kenntniſſe ihren Ort finden, nicht ein paar, durch einige künſtliche Verbindungsmittel und einen dahinterſtehenden nebelhaften allgemeinen Schemen zuſammengeflickte Erkenntnisſcherben.

*)Bei der unterrichtlichen Bearbeitung ſteht dss Zuſammengeſettte an der Spitze. Ziller Päd. 2. A. S. 261.