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Erſtes Capitel. Der Philoſoph an und für ſich.
Aus den vielen meiſt kurzen und zerſtreut umherliegenden Bemerkungen über die Anforderungen, welche Epiktet an das Geiſtes⸗ und Gemüthsleben des Philoſophen ſtellt, heben wir zunächſt eine längere Stelle hervor, welche eine der bedeutendſten im ganzen Manual namentlich in ihren Ein⸗ zelheiten nicht genug gewürdigt werden kann. Es iſt dieſes das Cap. XXIX, worin Epiktet von mannigfachen Vergleichungen ausgehend das Bild des vollendeten Philoſophen vor uns aufrollt. Von den vielen einzelnen Zügen im Bilde des Weiſen, wie es uns hier gezeigt wird, fällt unſer Blick zunächſt auf zwei beſonders hervorſtechende. Sie ſtellen ſich dar in den zwei Hauptvorſchriften:
1) daß derjenige, welcher Philoſoph werden will, ſich über dieſen Lebenslauf vorher vollkom⸗ mene Klarheit verſchaffen muß;
2) daß derjenige, welcher ſich zur Löſung dieſer Aufgabe entſchloſſen hat, ſich anch mit ſeinem ganzen Weſen, mit aller ſeiner Kraft dieſem einmal gewählten Berufe hingebe.
In der erſten dieſer beiden Beziehungen vergleicht Epiktet den angehenden Schüler in der Phi⸗ loſophie mit dem Jüngling, welcher ſich im Kampfe in den griechiſchen Nationalſpielen verſuchen will. Beides dünkt ihm herrlich, aber verknüpft mit manchen Schwierigkeiten. Gleichwie der Hel⸗ lene, welcher den Kranz in den Nationalſpielen erringen will, ſich vorher das ganze Gewicht ſei⸗ ner Aufgabe und die verſchiedenartigen Unannehmlichkeiten und Beſchränkungen, welche Bedingungen einer würdigen Vorbereitung zu ſolchem Acte ſind, zum lebendigen Bewußtſein zu bringen, nnd ſich ernſtlich zu prüfen hat, ob er die phyſiſche und moraliſche Fähigkeit zur Löſung einer ſolchen Auf⸗ gabe in ſich trägt, ſo ſoll auch der, welcher ſein Leben der Philoſophie widmen will, ſich vorher klar machen, was zum Weſen des Philoſophen, d. h. des Stoikers gehört, und ſich ſelbſt fragen, ob er die Kraft fühle, die der Erreichung dieſes Ideals in ihm widerſtrebenden Theile zu bewäl⸗ tigen, d. h. ob er zu einem philoſophiſchen Leben tauglich ſei. Namentlich hebt Epiktet hier die völlige Reſignation auf ſo manche Annehmlichkeiten des Lebens und die willige Fügung in vielfache beſchwerliche Verhältniſſe hervor, wie das&n crt rroy Ereu*, S„ 1u³οm,&y doxν, d diwn,» oανιμασεν ααάmνσ6: alſo Zurückſetzung in Chre, Amt, im Gericht, in ſo mancherlei Dingen, Mo⸗ mente, deren unſer Capitel noch eine reiche Fülle darbietet. Beſonderes Gewicht legt er aber auf die Aneignung der Tugenden, welche als erſte Conſequenz aus unſerm oberſten Princip als Car⸗ dinaltugenden des Stoikers abgeleitet werden, nämlich die Leidenſchaftsloſigkeit(dπααιέαα), und Unerſchütterlichkeit(dreαοαsεές), deren gemeinſames Moment die Freiheit(64 εοια) iſt, Tugen⸗ den, welche er als ſchwer zu erringende und zu bewahrende bezeichnet.— Cpiktet macht alſo die würdige Löſung der Aufgabe des Philoſophen abhängig von vorhergegangener reiflicher Ueberlegung. Nicht blindes Hingeriſſenſein von den Worten eines wohlredenden Stoikers, lehrt er, befähige zum Berufe des Philoſophen, ſondern nur ein ruhiges Hinwenden und beſonnene Auffaſſung der Lehre. Wer ſich zur Rolle des Philoſophen nicht tauglich halte(es iſt ein öfters in unſerm Manual wie⸗ derkehrender Lieblingsgedanke des Epiktet, das Leben mit der Bühne und die Menſchen mit den


