21
Das Problem des Kunſtwerkes iſt das Verhältnis von Staat und Individuum, jenes bedeutſame Thema, das manchen Denker des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts beſchäftigt hat. Das Einzelweſen mit ſeinem Denken, ſeinem Fühlen, ſeinem Eigenwillen iſt in das Ge⸗ füge des Staates mit ſeinem Geſetze, ſeiner Zucht, ſeiner Ordnung geſtellt. Und wenn Kleiſt ehedem der Vertreter eines ſchroffen Individualismus und Verächter aller Disziplin war, die für ihn nichts anderes als die Aufhebung der Souveränität des Ichs bedeutete, hier ſucht er Staat und Individuum in Harmonie und Gleichgewicht zu bringen. Der Ver⸗ treter des Individualismus iſt der Prinz, der jugendliche Held des Dramas, ein ſchnvärmeriſcher, heißblüliger Gefühlsmenſch, der immer nur der„Ordre des Herzens“ zu folgen geneigt iſt; der Vertreter des Staatsprinzips iſt der große Kurfürſt, der erhabene und zielbewußte Herrſcher, der Manneszucht und Geſetz,„die Mutter ſeiner Krone“, auf⸗ recht erhalten will. In ſeinem heißen Streben nach dem Glücke des Ruhmes und der Liebe vergeht ſich der Prinz gegen die militäriſche Disziplin. Der Kurfürſt läßt die Strenge des Geſetzes walten, er ſpricht das Todesurteil aus, nicht um zu ſtrafen, ſondern um zu heilen, und es iſt ſeine zielſicher feſtgehaltene erzieheriſche Aufgabe, den Prinzen zur Anerkennung von Geſetz und Manneszucht und zur Unterwerfung unter ſie zu zwingen. Die Löſung des Konfliktes führt der Dichter in der Weiſe herbei, daß er die beiden Kontraſtfiguren, die eben kein ſchroffes Extrem verkörpern, ſich entgegenkommen läßt. Der Prinz ſieht ſein Vergehen ein und unterwirft ſich dem Geſetze, und der Kurfürſt er⸗ kennt das Gefühl an und läßt Gnade walten— aber erſt, nachdem der Prinz ſeine Schuld zugeſtanden hat. Das Geſetz, das iſt alſo der Grundgedanke des Dramas, iſt unerſchütterlich, aber nicht als ſtarrer Buchſtabe, ſondern mit freier Gewähr überall da, wo„die Empfindung einzig retten kann“(V, 5, 105). Mit tiefem Verſtändnis drückt W. Grimm in einem Brief an Arnim die Idee des Werkes aus:„Ich habe niemals ſchöner die Macht des Geſetzes und die Anerkennung des Höheren, vor dem auch das Geſetz zerfällt, dargeſtellt gefunden.“ So iſt alſo Kleiſt in ſeinem Prinzen von Homburg der Prophet und Herold der wahren ſtaatlichen Ordnung und der echten militäriſchen Disziplin.
In dieſem Gedankengange liegt das Problem und der Kern des Kunſtwerkes. Dieſen zu klarer Anſchauung gelangen zu laſſen, iſt die vornehmſte und höchſte Pflicht der Schulbehandlung. Bei jedem Akte und jeder Szenengruppe, die man beſpricht, muß die wichtigſte Frage ſein: Wie wird der Grundgedanke entwickelt und gefördert? Dies darf aber nicht etwa in der Weiſe geſchehen, daß man den Schülern von vorn⸗ herein die Idee mitteilt, ſondern aus Frage und Antwort muß ſie ihnen als reife Frucht in den Schoß fallen. Sie müſſen ſelbſt die Fragen beantworten, wie ſich der Prinz gegen das Geſetz vergeht, aus welchen


